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Persönlichkeit und Identität
Identität wirkt auf den ersten Blick klar: Man ist, wer man ist. In Phasen des Umbruchs wird dieses Selbstverständnis jedoch oft fragiler. Wenn sich Rollen, Ziele oder Lebensbedingungen verändern, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Die Psychologie bietet dafür unterschiedliche Zugänge zur Identität – etwa dialogische, narrative, soziale oder sportbezogene Perspektiven. Jede davon eröffnet eine neue Art, über das «Ich» nachzudenken.
Sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen heisst, innere Stimmen, persönliche Geschichten und Zugehörigkeiten wahrzunehmen und zu reflektieren. Identität ist kein fixer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, welcher sich durch Erfahrungen, Begegnungen und Übergänge weiterentwickelt.
Athlet*innen und ihre Rollen
Im Leistungssport steht die Performance im Vordergrund, doch sie beschreibt nie die ganze Person. Athlet*innen nehmen im Laufe ihrer Karriere unterschiedliche Rollen ein, die sich verändern und weiterentwickeln können. Welche Rollen lassen sich den Figuren im Comic zuordnen?
Die folgenden Impulse laden dazu ein, unterschiedliche Perspektiven zu entdecken und zu prüfen, was dich besonders anspricht. Sie helfen bei der Orientierung und dabei, die eigene Geschichte bewusster zu reflektieren – im Sport und darüber hinaus.
Konzept narrative Identität
Die narrative Identität bringt Erkenntnisse darüber, wie Individuen ihr Selbstverständnis durch die Geschichten, die sie erzählen, aktiv gestalten. Der Psychologe Dan P. McAdams wies darauf hin, dass Menschen ihre Erinnerungen durch Geschichten ordnen, die es ihnen ermöglichen, die Vergangenheit mit der Gegenwart in Einklang zu bringen und ihr Verhalten auf die Zukunft auszurichten. Dabei ist es von zentraler Bedeutung, dass die Person ihre Geschichten anhand kultureller Skripte aufbaut, die mitentscheiden, welche Geschichten für Menschen «erzählenswert» sind.
Vorteile
- Diese Theorie gibt der Person die Möglichkeit, ihre eigene Lebensgeschichte variabel zu «verfassen»
- Geschichten helfen der Person, Erfahrungen und Veränderungen im Leben zu verarbeiten
- Sie unterstützt Wachstum und Zielsetzung
Nachteile
- Identität erfordert ständige Arbeit und Überarbeitung
- Seine Geschichte zu erzählen ist schwieriger, wenn die richtigen Worte oder Ressourcen fehlen
Konzept Athlet*innenidentität
Die Athlet*innenidentität beschreibt, wie stark man sich selbst in der Rolle des Sportlers oder der Sportlerin sieht. Deine sportliche Identität kann sich auf dein Verhalten innerhalb und ausserhalb des Sports auswirken, z. B. darauf, wie du deine Leistung einschätzt und wie du mit Herausforderungen wie Verletzungen, Burnout oder Karriereübergängen umgehst. Eine starke sportliche Identität kann zwar motivieren, aber auch Rückschläge erschweren, wenn sie eng mit der Fähigkeit verbunden ist, zu trainieren, Leistungen zu erbringen, sich zu verbessern und sich ausschliesslich dem Sport zu widmen. Deshalb sollte jeder Sportler und jede Sportlerin für sich selbst definieren, was es bedeutet, ein «Sportler» bzw. eine «Sportlerin» zu sein.
Vorteile
Sie bietet Orientierung, Struktur, Zugehörigkeit und Motivation für deine sportliche Karriere
Nachteile
Wenn «Sportler» bzw. «Sportlerin» deine einzige rollenbasierte Identität ist, können Rückschläge oder Übergänge zu einer grossen Herausforderung werden
Konzept dialogisches Selbst
Die dialogische Selbsttheorie erläutert, wie die narrative Identität einer Person viele verschiedene «Stimmen» enthält, wie deine Eigenschaften oder Rollen (z. B. ich als Sportler/Sportlerin, ich als Freund/Freundin, ich als Studierender/Studierende), die in ständigem Dialog miteinander stehen. Eine gesunde Identität ermöglicht den Dialog zwischen diesen Stimmen, statt dass eine Stimme die Geschichte dominiert. Diese Flexibilität hilft den Sportlern und Sportlerinnen, Neuerungen einzubringen und Identitätsveränderungen im Rahmen von Übergängen zu bewältigen, z. B. nach dem Sport, sodass Stimmen wie «Ich bin ein Leistungsmensch» in neuen Kontexten weiterbestehen können.
Vorteile
- Verschiedene Stimmen (Rollen und Charakterzüge) schaffen ein flexibles und anpassungsfähiges Selbstkonzept
- In deinen Geschichten können mehrere Versionen deiner Identität nebeneinander bestehen
Nachteile
- Erzählungen können unflexibel werden, wenn eine Stimme über die anderen dominiert, was die Anpassung an Veränderungen im Leben erschwert.
Konzept soziale Identität
Nach der Theorie der sozialen Identität (SIT) bezieht ein Mensch einen grossen Teil seines Selbstkonzepts aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Die Zugehörigkeit zu einer Eigengruppe (z. B. der eigenen Sportmannschaft) vermittelt Identität, Sinn und Motivation, während die Zugehörigkeit zu einer Fremdgruppe zu Unsicherheit und Isolation führen kann. Im Sport prägt die Gruppenzugehörigkeit in hohem Masse das Selbstverständnis der Sportler und Sportlerinnen und beeinflusst das sportbezogene Verhalten.
Vorteile
- Starkes Gefühl der Zugehörigkeit und Bedeutung
- Gemeinsame Ziele und Leidenschaft steigern Motivation und Wohlbefinden
Nachteile
- Das Verlassen eines Teams kann ein Gefühl der Isolation hervorrufen (z. B. im Ruhestand)
- Ungewissheit über die Identität ausserhalb des Teams