Wo erleben Athletinnen und Athleten Belastungen oder Herausforderungen und wie nehmen sie diese wahr? Antworten darauf liefert eine neue Befragung im Rahmen des Systems «Wertvoller Schweizer Sport», die auf dem Schweizer Sportobservatorium aufgeschaltet wurde. Die Befragung wurde im Auftrag von Swiss Olympic entwickelt und vom Forschungsunternehmen Lamprecht & Stamm durchgeführt.
Insgesamt nahmen 4301 Athletinnen und Athleten aus über 110 Sportarten und allen Kantonen der Schweiz an der Befragung zu den vier Kernthemen des Ethik-Kompasses von Swiss Olympic – Macht, Ideale, Nähe und Druck – teil. Die Resultate zeichnen ein überwiegend positives Bild des Schweizer Leistungssports. Gleichzeitig liefern sie wichtige Erkenntnisse zu Themen wie Leistungsdruck, psychischer Belastung sowie dem Umgang mit Machtverhältnissen und Grenzverletzungen.
Die Befragung dient Swiss Olympic als Grundlage, um den Status quo im Bereich Ethik zu erfassen, Handlungsbedarf zu identifizieren und gezielte Präventions- und Unterstützungsangebote im Schweizer Sport weiterzuentwickeln. «Der externe Untersuchungsbericht zu den Vorfällen in der Rhythmischen Gymnastik und im Kunstturnen im Jahr 2021 empfahl Swiss Olympic, regelmässig anonyme Befragungen durchzuführen, um zu erfahren, wie die Athletinnen und Athleten die genannten Kernthemen wahrnehmen», sagt Natalie Barker-Ruchti, Fachexpertin Ethik bei Swiss Olympic, und ergänzt: «Diese Empfehlung setzt die Athletinnen- und Athletenbefragung um.»
Freude am Sport, psychischer Druck als Herausforderung
Die grosse Mehrheit der Athletinnen und Athleten gibt an, Freude an ihrer Sportart zu haben und gerne ins Training zu gehen. Kritik am Aussehen oder Gewicht sowie Strafen, Drohungen und kontrollierendes Verhalten werden nur selten erlebt. Auch unsittliche Berührungen kommen gemäss den Befragten kaum vor und die meisten fühlen sich keinem übermässigen physischen Druck ausgesetzt.
Gleichzeitig zeigt die Befragung Entwicklungspotenzial auf: Die Athletinnen und Athleten geben an, im Trainings- und Wettkampfalltag vergleichsweise wenig Mitsprache- und Mitbestimmungsmöglichkeiten zu erhalten. Zudem wird der psychische Druck im Leistungssport von vielen Befragten als hoch wahrgenommen.
Barker-Ruchti meint: «Die Ergebnisse geben uns wichtige Anhaltspunkte zu den Erfahrungen und dem Wohlbefinden der Athletinnen und Athleten, welche wir mittels Gesprächen mit den Verbänden als Grundlage für die weitere Massnahmenplanung nutzen.» Aufgrund der Resultate organisierte Swiss Olympic, als erste konkrete Sensibilisierungsmassnahme, dieses Jahr am Talent Treff Tenero einen Workshop zur Mitbestimmung durch Athletinnen und Athleten unter 18 Jahren.
Ethik im Schweizer Sport messbar machen
Gemeinsam mit dem Bundesamt für Sport BASPO hat Swiss Olympic das System «Wertvoller Schweizer Sport» entwickelt. Ein ethisch wertvoller Sport erfordert sowohl individuelle als auch organisationale Entwicklungsmassnahmen. Der Schweizer Sport ist dann wertvoll, wenn die Würde der Menschen im Sport gewahrt wird, im Training und Wettkampf die faire sportliche Leistung im Zentrum steht sowie die Umwelt und die Grundsätze von Good Governance respektiert werden.
Um die Wirksamkeit dieser Massnahmen zu überprüfen, wurden verschiedene Erhebungen sowie Ethik-Indikatoren entwickelt. Sie erfassen die Befindlichkeit von Athletinnen und Athleten, die Arbeitsbedingungen und Ethikkompetenzen von Berufstrainerinnen und -trainern sowie die Organisationsentwicklung der Schweizer Sportverbände. Die kompletten Ergebnisse der Erhebungen bei Trainerinnen und Trainern sowie Sportverbänden werden zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht. Im Jahr 2029 wird Swiss Olympic die zweite Runde der Befragung bei Athletinnen und Athleten durchführen. Der Vergleich der Ergebnisse von 2025 und 2029 wird aufzeigen, welche Wirkung die Umsetzung der Ethikmassnahmen erzielt hat und wie weit die Verankerung von Ethik im Schweizer Sport vorangeschritten ist.