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«Es ist die beste Sportart der Welt»
Ski Mountaineering feiert in Milano Cortina 2026 seine Olympiapremiere. Um die Medaillen kämpft auch die 30-jährige Neuenburgerin Marianne Fatton. Die Weltmeisterin von 2025 im Sprint erzählt hier, was Ski Mountaineering für sie bedeutet und wie sie von Hobbysportler*innen profitiert.
«Es ist ein unglaubliches Gefühl: Der Tag erwacht langsam, ich ziehe die allerersten Spuren in den glitzernden Pulverschnee. Niemand anderes weit und breit. Ich gelange überall hin, wo ich will. Oben auf dem Gipfel ziehe ich die Felle von meinen Skis ab und sause den Berg hinunter. Das ist Freiheit. Das ist Ski Mountaineering, das ist mein Sport. Und jetzt kann ich das sogar an Olympischen Spielen tun.
Viele Leute betreiben Ski Mountaineering oder Skibergsteigen ja als Hobby. Sie stehen früh auf und ziehen die ersten Spuren in den Schnee. Für mich ist das auch gar nicht so schlecht: Ich kann später aufstehen und losfahren, von ihren Spuren profitieren und komme trotzdem vor ihnen auf dem Gipfel an. Auch wenn das jetzt etwas gemein klingt.
Im Winter sind viele Stellen zugänglich, die im Sommer wegen Geröll und Felsen kaum passierbar wären. Ich bin draussen, bewege mich über Berge und Gletscher und genau dieses Gefühl macht Skibergsteigen für mich zu einer der schönsten Sportarten der Welt. Natürlich mag ich auch den Sommer. Letzten Juli habe ich zum Beispiel den Mont Blanc an einem Tag bestiegen und nachdem wir oben angekommen sind, mussten wir den ganzen Rückweg natürlich zu Fuss zurücklegen. Das zieht sich, richtig lang. Mit Ski hingegen kommt man oben an und die Abfahrt geht dann richtig schnell.
«Eine der schönsten Sportarten der Welt: Ich bin draussen, bewege mich über Berge und Gletscher.» (Foto: 360 DSM)
Im Training habe ich sehr viel Freiheit. Ich kann eigentlich machen, was ich möchte und es ist sehr abwechslungsreich. Ich bin nicht nur vom Schnee abhängig: Im Sommer gehe ich zum Beispiel auch Radfahren oder Laufen. Dazu kommt viel Krafttraining, vor allem für die olympischen Disziplinen Sprint und Mixed Relay. Und natürlich mache ich viel Intervalltraining. Sobald es im Herbst möglich ist, schnalle ich mir wieder die Ski an.
Es ist eine harte Sportart. Ich hatte schon einige Stürze auf die eisige Piste im Rennen. Wir fahren so schnell, dass die Oberschenkel manchmal einfach nicht mehr mitmachen und nach einer Weile nachgeben. Wirklich geschützt sind wir dabei nicht: Wir tragen nur einen sehr dünnen Anzug und einen Helm – das war’s. Bei längeren Rennen haben wir zusätzlich eine Schaufel, eine Sonde und ein Lawinensuchgerät im Rucksack. Aber während eines Rennens habe ich zum Glück noch nie eine Lawine erlebt.
Dünner Anzug, Ski, Stöcke und Helm: Marianne Fatton vor dem ersten Einsatz an den Olympischen Winterspielen 2026. (Foto: Keystone-SDA)
Vom Biathlon zum Ski Mountaineering
Meine Mutter hat 1992 für die damalige Tschechoslowakei an den Olympischen Winterspielen in Albertville im Langlauf teilgenommen. Daher war auch mein Traum immer Olympia - nur wusste ich lange nicht, in welcher Sportart. Zuerst begann ich mit Biathlon, wurde dort aber nicht ins Kader aufgenommen.
Ich habe eher zufällig mit Skibergsteigen angefangen: Meine Eltern gingen oft auf Skitouren, der SAC organisierte 2014 Testtage fürs Skibergsteigen und ich dachte mir: Da gehe ich mal hin. Meine Leistungen überzeugten sofort und ich wurde ins regionale Leistungszentrum aufgenommen. Dort hatte ich dann zum ersten Mal in meinem Leben einen richtigen Trainingsplan. Das war 2014. Bereits 2015 wurde ich Junioren-Weltmeisterin – es ging also alles sehr schnell. Ich war schon immer sehr sportlich, habe viel Langlauf gemacht und war viel laufen. Deshalb habe ich das Skitourengehen vermutlich auch so schnell gelernt.
Weltcup-Wettkämpfe finden gelegentlich auch nachts statt: Marianne Fatton beim Vertical Race in Courchevel Anfang Januar 2026. (Foto: Keystone-SDA)
Der Winter 2021/22 war hart für mich. Eine Erschöpfungsdepression legte mich lahm. Es war die Hochphase von Covid und die Zukunft meiner Sportart erschien mir völlig ungewiss. Es gab keine Wettkämpfe. Vom Ski Mountaineering leben zu können, war fast unmöglich. Ich begann daher ein Pädagogikstudium, um Grundschullehrerin zu werden. Ein Beruf, der Sicherheit versprach. Ich übernahm Stellvertretungen und versuchte in meiner knappen Freizeit zu trainieren, doch die ständige Müdigkeit raubte mir jede Energie. Rückblickend glaube ich, dass ich auch nicht genug gegessen habe. Kein Wunder, dass mein Körper streikte.
Schliesslich musste ich komplett pausieren. Ich war permanent erschöpft, regenerierte mich schlecht vom Training und fühlte mich körperlich und mental ausgelaugt. Untersuchungen zeigten: Mein Nervensystem war stark aus dem Gleichgewicht geraten war. Ein klares Signal, dass mein Körper dringend eine Pause brauchte.
Diese Phase hat mir vor allem eines gezeigt: was mir wirklich wichtig ist. Ich habe am eigenen Körper erlebt, wie es sich anfühlt, nicht laufen zu können. Schon zuvor hatte ich öfter darüber nachgedacht, ob ich weitermachen soll. Im Leistungssport funktioniert «ein bisschen» nicht. Halb trainieren und erwarten, dass es reicht, funktioniert nicht – man muss sich vollständig darauf einlassen oder aufhören.
Und eigentlich hatte ich ja schon alles erreicht: Ich gewann den Weltcup, wurde Weltmeisterin. Manchmal fragte ich mich ernsthaft, ob es Sinn machte, weiterzumachen. Doch die erzwungene Pause verschob etwas in mir. Plötzlich wusste ich: Ich will zurück – wirklich zurück. Diese Erkenntnis gab mir ungeheure Motivation, alles zu tun, um wieder an den Start zu gehen.
Zwischen hohen Kosten und stillen Trainingskilometern
Ski Mountaineering ist natürlich eine weniger bekannte Sportart und zudem eine ziemlich teure. Ich habe Glück, weil ich in der Armee bin und dort ein bisschen Geld bekomme. Ausserdem erhalte ich nach wie vor ziemlich viel Unterstützung von der Stiftung Schweizer Sporthilfe, was mir enorm hilft. Darüber hinaus unterstützen mich auch andere Organisationen, wie die Loterie Romande oder die Fondation Sport Neuchâtel.
Fatton beim Aufstieg bei einem Sprintrennen. (Foto: Keystone-SDA)
Aber wenn jemand damit anfangen möchte, ist es schon ziemlich teuer. Zunächst ist die passende Ausrüstung nötig und die kostet einiges. Im Herbst geht es zum Training auf die Gletscher und das geht ins Geld: In Zermatt kostet eine einfache Fahrt 75 Franken. Da summiert sich das schnell. Und es macht mich ein bisschen traurig zu sehen, dass es immer weniger Schnee gibt und dass wir vielleicht eines Tages nicht mehr skitourengehen können.
Praktisch ist dagegen, dass man sehr gut auch alleine trainieren kann. Im alpinen Skisport braucht man normalerweise jemanden, der einen beobachtet, Feedback gibt und so weiter. Beim Skibergsteigen hingegen reicht es, wenn ich Skier und Schnee habe, dann kann ich den ganzen Tag alleine fahren und sehr effektiv trainieren. Natürlich ist man auch hier von anderen Menschen abhängig, aber am Ende kommt es auf den eigenen Willen an, wenn man gute Ergebnisse erzielen will.
Beim Ski Mountaineering ist der Wechsel entscheidend. Bestimmte Handgriffe müssen so schnell wie möglich sitzen: die Skis ausziehen, auf den Rucksack packen, wieder anziehen oder die Felle abnehmen. Dafür nutze ich ziemlich oft Videos, um zu sehen, wo ich mich verbessern kann, wo ich Schwierigkeiten habe und wo ich Zeit verliere.
Renntage im Sprint sind anstrengend und lang, obwohl die Strecke superkurz ist. Wenn ich ins Finale vorstosse, dann laufe ich die Runde bis zu viermal und das mit voller Geschwindigkeit. Nach jedem Lauf versuche ich mich sofort zu erholen. Beim Rennen wird Laktat im Körper produziert und das Ziel ist es, sich ein wenig zu bewegen, um dieses wieder abzubauen. Danach fange ich direkt wieder mit dem Aufwärmen für den nächsten Lauf an.
Marianne Fatton an der Heim-WM 2025 in Morgins, an der sie im Sprint Gold holte. (Foto: Keystone-SDA)
Ich bin glücklich, beim olympischen Debüt des Skibergsteigens in Bormio dabei zu sein. Wir schreiben Geschichte, das ist cool. Die olympische Atmosphäre ist etwas Besonderes und ich werde versuchen, jeden Moment zu genießen. Ausserdem werden viele Menschen da sein, um mich zu unterstützen und für Stimmung zu sorgen.
In Bormio werde ich natürlich etwas nervös sein, aber ich sage mir einfach: Es ist nur ein Rennen. Einmal rauf und einmal runter! Und mein Ziel ist es, Spass zu haben, mein Bestes zu geben und nichts zu bereuen.
Olympische Disziplinen Ski Mountaineering
Im Ski Mountaineering (Skibergsteigen) gibt es an den Olympischen Spielen Milano Cortina 2026 zwei Wettkämpfformate: Sprint und Mixed Relay. Die Strecke besteht aus einem Aufstieg und einer Abfahrt. Den Aufstieg legen die Athlet*innen mit Fellen an den Skis zurück, in den steilsten Streckenteilen schnallen sie sich die Skis auf den Rücken und gehen zu Fuss weiter. Zuoberst angekommen ziehen sie die Felle von den Skis und rasen so schnell wie möglich ins Ziel.
Der Sprint ist kurz und intensiv, ein Rennen dauert weniger als 3 Minuten. Beim Mixed Relay bestehen die Teams aus einer Athletin und einem Athleten. Der Kurs muss je zweimal zurückgelegt werden, die Übergabe erfolgt per Handschlag. Spektakel ist bei der neuen olympischen Sportart Ski Mountaineering garantiert.
Aufgezeichnet von Loïc Schwab, Medienteam von Swiss Olympic
Ungefiltert – Geschichten aus dem Schweizer Sport
Offen gesagt: Im Blog «Ungefiltert» erzählen Persönlichkeiten aus dem Schweizer Sport in eigenen Worten von aussergewöhnlichen Momenten und prägenden Erfahrungen. Von Siegen und Niederlagen, im Leben und im Sport. Wir freuen uns über Inputs für gute Geschichten, gerne auch die eigene: media@swissolympic.ch