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«Dass ich kaum etwas verdiente, wurde zum Glücksfall»
Vom Konsumenten von Sportgetränken zum Produzenten: Cedric El-Idrissi war erfolgreicher 400-Meter-Hürdenläufer und Olympiateilnehmer, heute ist er CEO und Investor. Dazwischen führte ihn seine berufliche Laufbahn durch Schweizer Traditionsunternehmen und internationale Grosskonzerne – stets mit einem Bezug zum Sport. Hier erzählt er, welche Kompetenzen aus dem Spitzensport ihm in der Arbeitswelt helfen.
«Mein Handy klingelt. Ich geh ran: «Hey Cedric, wir brauchen einen CEO, der Erfahrung im Getränkebereich hat, Schweizer Produkte im Ausland verkauft hat, einen grossen Sporthintergrund mitbringt und Berndeutsch spricht. Da gibt es eigentlich nur einen.»
Ich bin zuerst etwas überrumpelt. Erst zwei Jahre zuvor war ich zur Schweizer Traditionsmarke Kägi gewechselt. Der Schritt war ein Wagnis, wie jeder Neuanfang. Doch ich hatte gemerkt, dass ich nicht nur viel Umsatz verantworten und grosse Teams führen wollte, wie bei den vorherigen Stellen in grossen, global tätigen Unternehmen. Ich wollte mehr bewirken, eine Marke prägen und vor Ort entscheiden können und nicht warten, bis aus den USA irgendeine Verpackungsvorlage kommt.
Und nun kam dieser Anruf. Bei PEAQ einsteigen, eine junge Schweizer Sportgetränkemarke mitaufbauen und gleichzeitig selbst investieren: Ich hätte es mir nicht verziehen, diese Chance nicht zu packen.
Ein anderer Drive
Während meiner Sportkarriere konnte ich nicht einmal daran denken, Geld zu investieren. Heute ist das ganz anders. Immer mehr Sportlerinnen und Sportler beteiligen sich an Unternehmen oder Marken und beginnen früh vorzusorgen. Klar liest man immer noch vom stereotypen Fussballer, der sein ganzes Vermögen verprasst. Aber es gibt immer mehr, die sich früh Gedanken über die Zeit nach der Karriere machen. Und natürlich ist heute auch mehr Geld im Sport.
Sein Alltag ist weit weg von der Tartanbahn: Cedric El-Idrissi bei einem Referat als CEO der Adelbodner Aqva Group (Bild: zvg).
Bei uns sind beispielsweise Yann Sommer, Stan Wawrinka, Roman Josi, Mark Streit oder Christian Stucki dabei. Als Spitzensportler wissen sie aus eigener Erfahrung, was für ihre Körper wichtig ist. Bei der Entwicklung des funktionalen Sportgetränks haben sie deshalb auch wirklich mitgearbeitet und ihre Inputs gegeben. Sie glauben an das Produkt, geben ihren Namen dafür her und können es mitgestalten. Das ist etwas anderes als eine klassische Investition, bei der man sein Geld in einen Fonds steckt und am Ende vor allem auf die Zahlen schaut. Und wenn man sich trifft, ist da immer noch diese Sportfamilie. Da herrscht schon ein anderer Drive als bei der Generalversammlung einer Bank.
Heute sitze ich in meinem Büro in Adelboden. Vor dem Fenster ziehen Gondeln vorbei, dahinter erhebt sich das Bergpanorama. Die Luft ist frisch, es riecht nach Alpen. Mein Alltag ist weit weg von der Tartanbahn.
Und doch braucht es manchmal nur einen Geruch: Wenn die Sonne auf die Leichtathletik-Bahn strahlt und der Tartanbelag leicht süsslich zu riechen beginnt, kommen bei mir noch heute viele Erinnerungen hoch. Ich habe damals mehr Zeit auf der Bahn verbracht als zuhause.
Als 8-jähriger Bub ging ich in Biel in den Turnverein, weil auch mein Bruder dort war. Ich probierte verschiedene Sportarten aus: spielte Unihockey, machte Leichtathletik und nahm an Turnfesten teil. Beim Hürdenlauf stellte ich mich etwas geschickter an als in den anderen Disziplinen, also blieb ich eher dabei. Grosse Ambitionen hatte ich aber keine, ich machte einfach mit.
Start einer grossen Karriere: Cedric El-Idrissi an einem Lauf für den BTV Biel (Bild: zvg).
Als ich dann nach Bern in den Leichtathletik-Club wechselte, war ich dort der Kleinste, der Dünnste und der Langsamste. An einer U16-Schweizermeisterschaft schaffte ich es dann völlig überraschend in den Final. Ich gewann nicht einmal eine Medaille. Aber da begriff ich zum ersten Mal: So schlecht bin ich vielleicht gar nicht.
Von da an wurde die Leichtathletik immer wichtiger für mich. Am Ende war ich der Einzige aus der Trainingsgruppe, der es an die Olympischen Spiele schaffte.
Vier Jahre für 49 Sekunden
2004 startete ich in Athen über 400 Meter Hürden. Wegen vier Tausendstelsekunden verpasste ich den Halbfinal. Ärgerlich. Vor allem war es schade, dass ich nicht noch ein zweites Mal laufen konnte, denn die Stimmung im Olympiastadion war unglaublich. Dieses Kribbeln kurz vor dem Start und danach das Gefühl im Ziel, wenn dir kotzübel ist und du weisst, dass du alles gegeben hast.
El-Idrissi verpasst an den Olympischen Spielen 2004 in Athen den Halbfinal ganz knapp (Foto: Keystone-SDA)
Ich trainierte vier Jahre lang für den Moment, in dem ich einmal eine Runde in 49 Sekunden laufe. Dabei lernte ich, mich komplett zu fokussieren und alles andere auszublenden. Das hilft mir auch heute, mich im Beruf auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Heute stehe ich nicht mehr im Olympiastadion, sondern sitze an wichtigen Verkaufsgesprächen. Die Präsentation ist vorbereitet, die Zahlen sitzen, gleich geht es los. Und plötzlich ist dieses Kribbeln wieder da. Nicht ganz so intensiv wie damals auf der Bahn, aber erstaunlich ähnlich.
In der Leichtathletik ging es darum, mich zu verbessern: Wie werde ich schneller? Wo kann ich noch etwas herausholen? Heute geht es nicht mehr um Tausendstelsekunden. Heute geht es um Umsatz, Gewinn oder Marktanteile. Wie kann ich das Unternehmen besser machen?
2008 in Peking wollte ich noch einmal an den Olympischen Spiele dabei sein. Doch mein Körper machte mir zunehmend einen Strich durch die Rechnung. Meine Adduktoren waren gerissen, die Achillessehne entzündet und 2006 erkrankte ich am Pfeifferschen Drüsenfieber. Irgendwann merkte ich: Die Chance, dass ich ein ganzes Jahr gesund bleibe, ist ziemlich klein. Gleichzeitig dachte ich: Wenn ich es noch einmal versuche, verliere ich auch ein Jahr, in dem ich beruflich vorwärtskommen könnte.
Im Spitzensport lernst du zwar, mit solchen Rückschlägen umzugehen. Hinfallen, aufstehen, weitermachen. Ich lernte aber auch zu erkennen, wann es nicht mehr geht. Auch im Beruf läuft nicht immer alles nach Plan. Der Sport hat mir beigebracht, mit meiner Energie umzugehen: Wann belaste ich, wann erhole ich mich? Auch im Job kannst du nicht permanent 100 Prozent geben.
«Wir waren völlige Amateure»
Dass ich bei meinem Karriereende bereits an die berufliche Zukunft denken konnte, hatte einen einfachen Grund: Neben der Leichtathletik hatte ich immer gearbeitet und studiert. Heute gibt es in der Schweizer Leichtathletik zum Glück eine stattliche Zahl an Profis, zu meiner Zeit konnte einzig Viktor Röthlin davon leben. Wir anderen waren völlige Amateure.
Trainierte wie ein Profi, verdiente wie ein Amateur: El-Idrissi jubelt 2003 an den Schweizer Meisterschaften nach der erfüllten WM-Limite (Bild: Keystone-SDA)
Ich hatte wenig Geld zur Verfügung, aber auch kaum Zeit, es auszugeben. Ich dachte mir: Warum soll ich einen riesigen Aufwand betreiben, um Sponsoren zu suchen, nur damit ich etwas mehr Geld habe? Dann investiere ich diese Zeit lieber in mein Studium. Ich wusste ja: Irgendwann würde ich mehr verdienen. Das Geld, das ich mir während meiner Sportkarriere mühsam hätte zusammenkratzen müssen, würde später schon kommen.
Aber klar, ich empfand es damals als unglaubliche Ungerechtigkeit, dass ich neben der Leichtathletik noch studieren und arbeiten musste, während Kollegen aus Deutschland, Italien oder Österreich in Sondersportgruppen oder bei den Carabinieri waren und komplett vom Staat unterstützt wurden. Im Nachhinein bin ich aber froh, dass ich nach meiner Karriere und mit abgeschlossenem Studium direkt ins Berufsleben einsteigen konnte. Andere Sportlerinnen und Sportler fallen nach ihrer Karriere in ein Loch. Dass ich damals nicht gut verdiente, wurde zum Glücksfall.
Spitzensport, Studium und Arbeit gleichzeitig – da lernst du, resilient zu sein. Sonst bringst du das gar nicht hin. Heute sind manche schon mit dem Studium allein überfordert. Und natürlich lernst du Disziplin. Während meines Studiums begann die Vorlesung um 8.15 Uhr. Als ich dann für ein Jahr in den USA war, hatten wir morgens um 6 Uhr Krafttraining. Ich dachte: «Shit, das schaffe ich nie, das ist viel zu früh.» Nach drei Wochen war ich im Rhythmus. Der Sport hat mir beigebracht, solche Dinge einfach durchzuziehen. Das habe ich bis heute beibehalten: Ich stehe morgens immer um 5 Uhr auf, auch an den Wochenenden. Für mich ist Schlafrhythmus wichtiger als Schlafdauer. Diese Disziplin, die ich mir im Sport angeeignet habe, hilft mir auch im Berufsalltag enorm.
Vom Einzelsportler zum Teamchef?
Als ich nach meiner Sportkarriere ins Berufsleben einstieg, wurde ich in Bewerbungsgesprächen immer gefragt: «Aber Herr El-Idrissi, Sie waren Einzelsportler. Können Sie denn überhaupt in einem Team arbeiten?» Dabei funktioniert Spitzensport nie alleine. Du hast Trainer, Trainingspartnerinnen, Ernährungsberater, Physios und Ärztinnen um dich herum. Wenn du nicht lernst, mit diesem Team zusammenzuarbeiten, bringst du deine Leistung nicht. Und ausserdem bin ich ja auch in der 4-mal-400-Meter-Staffel gelaufen.
Das hilft mir heute auch in der Führung. Für mich ist Vertrauen dabei zentral. Wenn du den Leuten kein Vertrauen gibst und alles selbst kontrollieren willst, funktioniert es nicht. Du musst Verantwortung abgeben und die Leute selber denken lassen. Das war im Sport nicht anders: Auch dort musste ich den Menschen um mich herum vertrauen und akzeptieren, dass ich nicht alles selbst kann.
Als CEO führt El-Idrissi auch Bewerbungsgespräche und interessiert sich dafür, wie fest jemand für den Job brennt (Bild: Swiss Olympic)
Heute sitze ich auf der anderen Seite des Bewerbungsgesprächs. Dabei interessiert mich vor allem, wie sehr jemand für etwas brennt. Will die Person das wirklich? Und warum? Nur wegen des Prestiges oder des Lohns? Du musst diesen Hunger haben. 400 Meter Hürden machst du nicht zum Spass, das musst du wirklich wollen. Im Beruf ist es für mich ähnlich. Ich könnte nicht für etwas arbeiten, hinter dem ich nicht selbst stehe. Die Marken und Produkte, für die ich gearbeitet habe, habe ich beispielsweise immer auch selbst konsumiert. Mich hat immer fasziniert, wie eine Marke entsteht und sich weiterentwickelt.
Mittlerweile mache ich nicht mehr den Spagat zwischen Tartanbahn und Hörsaal, sondern zwischen unserer Mineralquelle in Adelboden, unserem Marketingteam im trendigen Zürcher Seefeld und unserem Gruppen-Sitz in Bern.
Und manchmal lande ich doch wieder auf der Tartanbahn. Wenn ich am Wochenende meiner Tochter zuschaue und mir dieser gummige Geruch in die Nase steigt, bin ich für einen Moment wieder selbst auf der Bahn. Was ich auf diesen 400 Metern gelernt habe, begleitet mich bis heute.»
Cedric El-Idrissi (47) wuchs in Biel auf und fand über den Turnverein zur Leichtathletik. 2004 vertrat er die Schweiz an den Olympischen Spielen in Athen. Parallel zu seiner Karriere im Spitzensport studierte er Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und promovierte. Auch beruflich blieb der Bezug zum Sport bestehen: Bei Wander war er für Isostar zuständig, bei PepsiCo für Gatorade und bei Coca-Cola für Powerade. Nach einer weiteren beruflichen Station als CEO von Kägi Söhne AG ist El-Idrissi seit dem 1. August 2026 CEO der Adelbodner Aqva Group, zu der neben den Mineralquellen Adelboden das Sportgetränk PEAQ gehört. Gemeinsam mit bekannten Persönlichkeiten aus dem Sport ist er zudem an der Aqva Group beteiligt.
Aufgezeichnet von Loïc Schwab, Medienteam von Swiss Olympic