10. September 2010, mike.kurt

«Meine Eigenverantwortung auf dem Prüfstand»

Es gibt Momente im Leben eines Spitzensportlers, die darf man zweifelsohne als Scheidepunkt bezeichnen. Der weitere Verlauf der Karriere kann dann in die eine oder die andere Richtung laufen. Der 11. August 2008 war für mich genau ein solcher Moment.

Damals hatte ich eigentlich vorgehabt, mich souverän für das Halbfinale der Wildwasser-Slalomkanuten an den Olympischen Spielen in Peking zu qualifizieren. Anstatt um die Medaillen mitzukämpfen, endete der Wettkampf für mich aber zum ersten Mal überhaupt an einem Grossanlass in der Qualifikation bereits vorzeitig. Souverän war an meinem Auftritt in China höchstens mein Abgang. Ich hätte damals genügend Gründe gehabt, mein Paddel gleich vor Ort im Kanu-Zentrum von Shunyi für alle Zeiten in die Ecke zu stellen.


Heute, gut zwei Jahre später, bin ich froh, es nicht gemacht zu haben. Es ist ein interessantes Phänomen, aber ich werde von meinem erweiterten Umfeld nur gefragt, wieso ich mir das eigentlich antue, immer noch zu paddeln, wenn ich sportlich gesehen gerade durch schwierige Zeiten gehe.


Glücklicherweise verschwanden in letzter Zeit diese eher kritischen Bemerkungen. Die vergangenen fünf Monate waren, das darf ich ruhig behaupten, die wohl erfolgreichsten in meiner Karriere überhaupt. Egal, was nun diese Woche an der WM in Slowenien auch geschieht, ich werde als Gesamtweltcup-Zweiter einer der ganz wenigen Kanuten in diesem Jahr sein, die es geschafft haben, mehrere Podestplätze an internationalen Grossereignissen zu erreichen. Und wenn es hier in Slowenien um die WM-Favoriten geht, werde ich plötzlich wieder in einem Satz mit den ganz grossen Athleten in diesem Sport genannt. Hätte mir das jemand anfangs Jahr prophezeit, ich hätte ihn wohl sehr skeptisch angeschaut.


Es ist nicht so, dass ich selber nicht an mich glauben würde. Nein, nur standen die Vorzeichen auf sportlichen Erfolg seit Peking eher schlecht. Nach der überstanden post-olympischen Sinnesfindung hatte ich gerade neue Motivation für London 2012 gefasst, als ich im vergangenen Jahr aufgrund des Pfeifferschen Drüsenfiebers einen Grossteil der Saison verpasste. Daraufhin standen mir weder ein Trainer noch genügend finanzielle Unterstützung zum Ausüben meines Sportes zur Verfügung.

Ich habe aber nach meiner schmerzlichen Niederlage in Peking aus der Not eine Tugend gemacht und hielt fortan regelmässig Vorträge über das Thema «Erfolgreich dank Niederlagen», in denen ich versuche, Geschäftsleuten anhand meiner Erfahrungen im Sport aufzuzeigen, wie Niederlagen hilfreich sein können, um künftig erfolgreicher zu sein. Bei einer meiner Kernaussage betone ich, wie wichtig dass im Spitzensport die Eigenverantwortung ist. «Ich bin dafür verantwortlich, dass alle zu beeinflussenden Faktoren richtig beeinflusst sind», teile ich jeweils meinen Zuhörern mit.

 


Vorträge darüber zu halten ist das Eine, diese Verantwortung selber zu übernehmen das Andere. Und so blieb nichts anderes übrig, als mit einem guten Beispiel voran zu gehen und meine Eigenverantwortung auf den Prüfstand zu stellen. Wenn ich bei meiner dritten Olympiateilnahme in London 2012 erfolgreich sein will, brauche ich auch ein dementsprechend professionelles Umfeld. Da mir mein Verband dieses in der laufenden Saison nicht bieten konnte, habe ich ein eigenes kleines Team auf die Beine gestellt. Auf privater Basis beschäftigte ich unter anderem meinen ehemaligen Nationalcoach Ludovic Boulesteix, trainierte fortan hauptsächlich ausserhalb der Nationalmannschaft mit Weltspitze-Athleten und finanzierte beinahe die gesamte Saison aus dem eigenen Sack.


Tatsächlich, die individuelle Vorbereitung zahlte sich aus. Unglaublich kurze drei Monate benötigte ich, um vom 40. Rang in der Weltrangliste wieder unter die Top 10 der Welt zu gelangen. Das Kapitel in meinem Vortrag über Eigenverantwortung darf ich also weiterhin mit gutem Gewissen verwenden. Dank dem Swiss Olympic Athlete Career Programme ist es mir zudem gelungen, neben dem Sport eine für mich beruflich optimale Situation mit einem Teilpensum im Marketing aufzubauen. Das ist für meine Zukunft sehr wertvoll.


Trotz anhaltenden sportlichen Erfolgen treibt es mir regelmässig Sorgenfalten ins Gesicht, wenn es darum geht, genügend Mittel für mein persönliches Projekt zu genieren. Einfach ist mein Weg sicher nicht, aber er ist der richtige. Und übrigens, wer hat je gesagt, es würde einfach werden?

Kanute Mike Kurt ist Swiss Olympic Top Athlete. An der WM in Tacen (Slowenien) verpasste er kürzlich wegen einem Torfehler eine Topklassierung.

Mike Kurt auf Medaillenkurs am Weltcup in Prag - hier das Video.

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Kategorien: Athleten | London 2012

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