Flavia Rigamontis Leidenschaft galt bis zu den Olympischen Spielen in Peking 2008 dem Schwimmen. Seit ihrem Rücktritt geniesst sie es, das Leben abseits des Sports kennen zu lernen und wertvolle Erfahrungen im Job zu sammeln.
Flavia Rigamonti, Sie waren bis zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking Profischwimmerin. Was waren Ihre wichtigsten Beweggründe für den Rücktritt aus dem Wettkampfsport?
Ich bin 23 Jahre lang geschwommen und habe 25 Jahre lang studiert, da wollte ich eine neue Karriere mit neuen Ambitionen und neuen Anreizen beginnen. Auch vom logistischen Gesichtspunkt her wäre es sehr schwierig geworden, das Langstrecken-Schwimmtraining weiterzuführen und zugleich eine Vollzeitstelle anzutreten. Um international gute Resultate erzielen zu können, hätte ich mich für schwimmen statt voll arbeiten entschliessen müssen – da habe ich mich eben für die Arbeit entschieden. Der Schwimmsport hat mir enorm viel gebracht, und ich wollte mir selbst beweisen, dass ich ebenso viel Befriedigung aus meinem Privatleben ziehen konnte.

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Was hat Sie nach Ihrem Rücktritt am meisten gefreut?
Das Schönste an meinem Rücktritt aus dem Schwimmsport war, dass ich endlich ganz viele Dinge tun konnte, für die ich früher nie die Gelegenheit hatte, und dass ich nun ein Privatleben hatte. Auch musste ich nicht mehr ständig verzichten: auf das Reisen, auf nette Abende mit Freunden und auf ein gesellschaftliches Leben.
Wovor hingegen hatten Sie am meisten Angst?
Ich fürchtete mich nicht vor dem Rücktritt, aber ich machte mir ehrlich gesagt ein wenig Sorgen darüber, was in der Arbeitswelt auf mich zukommen würde.
Wie lange brauchten Sie nach dem Rücktritt, um eine Stelle zu finden, und wie ist Ihnen das gelungen?
Ich fand sofort Arbeit als Buchhalterin bei der KPMG in Dallas. Dieses Angebot hatte ich bereits im November 2007 über meine Universität erhalten, die Southern Methodist University. Deshalb wusste ich auch, dass ich bereits im September 2008 meine Stelle antreten würde.
Hatten Sie sich bereits vor dem definitiven Rücktritt zu Ihrem «Übergang» Gedanken gemacht?
Im Sommer 2007 schloss ich mein Studium mit dem Bachelor in Finance ab und schrieb mich für den Masterkurs in Accounting (Buchhaltung) ein – wiederum an der Southern Methodist University. Es war eine perfekte Kombination, auch im Hinblick aufs Schwimmen: Ich konnte problemlos auf die Olympiade in Peking trainieren. Zu Beginn des Masterkursus wusste ich noch nicht was tun, welchen Beruf ich ausüben wollte. Doch als ich die Buchhaltung entdeckte, hat diese mich sofort inspiriert. Und im November 2007 hat mir die KPMG eine Stelle angeboten. Ich arbeitete zwei Jahre lang in der Buchhaltung und wechselte vor einem Jahr in die Abteilung «IT Strategy & Performance».

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Welchen Problemen mussten Sie sich im Moment Ihres Rücktritts stellen?
Für mich war der Übergang ziemlich leicht. Ich wusste, wann meine Arbeit beginnen würde, und mir war klar, dass «nach Peking» ein guter Zeitpunkt war, um meine Karriere zu beenden. So lief alles auf recht natürliche Weise ab. Dennoch musste ich mich an einige Umstände anpassen. Am schwierigsten war eigentlich die Tatsache, dass ich noch gar keine richtige Berufserfahrung hatte.
Weshalb?
Ich blickte auf eine langjährige Schwimmerinnenkarriere zurück, konnte mich sehr gut bewegen, kannte mich und meinen Körper bestens und wusste, was ich in der Welt tat, in der ich mich bewegte. Doch als ich zu arbeiten begann, hatte ich keinerlei Erfahrung auf diesem Gebiet. Aber ich lernte sehr schnell.
Wie geht es Ihnen körperlich?
Nachdem ich mit dem Schwimmen aufgehört hatte, verbrachte ich beinahe zwei Jahre ohne jegliche sportliche Tätigkeit: Ich nenne dies meine «Verweigerungsphase». Auch wenn es mir sehr fehlte, mich fit zu fühlen, hatte ich absolut keine Lust auf Sport. Ich wusste jedoch, dass ich auf meine Linie und die Ernährung achten musste. So nahm ich nicht zu, aber es war trotzdem ziemlich schwierig. Jetzt ist es besser, da ich wieder etwas Sport treibe (vor allem Laufen und Yoga). Doch ich habe noch keine Sportart entdeckt, die mich so begeistert, wie es das Schwimmen viele Jahre lang tat.
Wie fühlt es sich an, plötzlich so viel Zeit zur Verfügung zu haben?
Nachdem ich mit dem Schwimmen aufgehört hatte, musste ich studieren, um die Lizenz des Certified Public Accountant CPA (Wirtschaftsprüfer) zu erhalten. Deshalb verbrachte ich den grössten Teil meiner Freizeit mit dem Studium. Als ich die Lizenz hatte, begann ich vermehrt zu reisen.
Wie hat sich Ihr näheres Umfeld verändert?
Früher stand ich morgens sehr früh auf und war immer mit Schwimmern und anderen Sportlern zusammen. Heute ist das ganz anders, mein gesellschaftliches Leben hat sich komplett verändert. Ich lebe mit einem Mann zusammen, der vor einem Jahr seine Stelle gekündigt hat, um DJ zu werden, und mein Freundeskreis hat sich stark gewandelt. Nun verkehre ich mit vielen motivierten Leuten aus verschiedenen Bereichen: Arbeit, Kunst, Sport usw. Es ist bereichernd und auch interessant, Menschen zu treffen, die so verschiedene Ansichten haben, und mich mit ihnen auszutauschen.
Wie wichtig waren die Beziehungen und Erfahrungen aus dem Leistungssport für die Suche nach einer neuen Tätigkeit?
Meine Karriere im Spitzensport hat mir sicherlich geholfen, meine Disziplin und eine gute Arbeitsmoral unter Beweis zu stellen. Ausserdem hatte ich immer ausgezeichnete Noten in der Schule und fand diese Arbeitsstelle über meine Uni.
Welche Sportlereigenschaften kommen Ihnen heute zugute?
Mein Ordnungssinn, meine Arbeitshaltung, meine Teamfähigkeit, aber vor allem meine Anpassungsfähigkeit an die meisten Situationen, denen ich begegne.
Wie wichtig ist Ihnen der Sport jetzt?
Wie schon erwähnt, habe ich mich ein wenig vom Sport distanziert und nähere mich ihm behutsam wieder an. Ich glaube, es ist eine Frage der Prioritäten. Nach dem Rücktritt standen für mich andere Fragen im Vordergrund. Jetzt sind viele Bereiche meines Lebens stabiler geworden, sodass ich mich der Welt des Sports wieder nähern kann.
Steckbrief:
Name: Flavia Rigamonti
Alter: beinahe 30 Jahre
Sportart: Schwimmen (von 1995 bis 2008)
Grösste Erfolge: 4. Rang in Sydney, 3x Silber an Weltmeisterschaften (Fukuoka 2001, Montreal 2005, Melbourne 2007 mit Europarekord im 1500 m Freistil)
Höchste Ausbildung: Master in Accounting
Beruf: Consultant
In der Serie «Spitzensport - und was dann?» stellen wir ehemaligen Spitzenathletinnen und -athleten Fragen zu ihrer Nachsportkarriere.