Anna Bürgi lebte zehn Jahre lang fürs Unihockey. Nach ihrem Rücktritt vom Spitzensport im vergangenen Frühling musste sie ihr Leben neu organisieren und sich neue Wege suchen, um körperlich an die Grenze zu kommen.
Anna Bürgi, Sie waren bis im Frühling 2010 Profi-Unihockeyspielerin. Was waren die Gründe für Ihren Rücktritt vom Spitzensport?
Während zehn Jahren Spitzensport – und vor allem in den letzten beiden Jahren – wurde mir bewusst, dass es noch ein Leben neben dem Sport gibt. Stete Bewegung, gemeinsamer Kampf, Teamgeist, Adrenalinschübe und Höchstleistung zu erbringen, sind zwar enorm wichtige Bestandteile in einem Sportler-Leben, doch rückten Freundschaften, Familie und andere Hobbys massiv in den Hintergrund. Die Abwechslung, sportlich sowie nicht-sportlich, und die Flexibilität für nicht-sportliche Termine fehlten mir und so begann ich ein Jahr vor meinem Rücktritt, mich darauf vorzubereiten.

Anna Buergi bis 2010 als Spitzenathletin... ...und heute als Physiotherapeutin.
Worauf freuten Sie sich nach dem Rücktritt am meisten?
Am meisten freute ich mich auf den Kino-Montag! Ich bin ein riesiger Kino-Fan, doch wir hatten montags immer Training und so konnte ich von diesem Angebot gar nie profitieren.
Und wovor hatten Sie Angst?
Angst hatte ich davor, meine «Sport-Gschpänli» zu vermissen. Seit Jahren hatte ich mit denselben Leuten trainiert und diese waren dann auf einen Schlag weg, weil sie ja weitertrainierten und ebenso wenig Zeit hatten zum Weggehen wie ich vorher auch. Zudem konnte ich mir gar nicht vorstellen, was man mit so viel freier Zeit machen soll. Diese Angst hat sich jedoch schnell ergeben, da der Kalender sehr schnell überfüllt war.
Wie und wie schnell fanden Sie nach dem Rücktritt eine Stelle? Bei wem?
Während meiner Sportkarriere habe ich ein Studium als Physiotherapeutin absolviert. Gleich nach dem Abschluss – und somit noch während der Unihockey-Karriere - fand ich eine befristete Stelle als Physiotherapeutin im Spital Männedorf, wo ich zuvor ein Praktikum absolviert hatte. Unterdessen arbeite ich in zwei Physio-Praxen in Zürich. Und zwar in einem 90-Prozent-Pensum, damit ich daneben noch reichlich Sport treiben kann.
Hatten Sie sich schon vor dem Rücktritt mit dem Übergang zur Nachsportkarriere auseinandergesetzt?
Ja, zum Glück. Ein ganzes Jahr lang bereitete ich mich mental darauf vor. Bei allem, was ich im letzten Jahr machte (Sommertraining, Trainingslager, Weihnachtsessen im Team, Playoffs), dachte ich «das ist das letzte Mal, geniesse es». Und so hat es ganz gut geklappt.

Höhepunkte einer Spitzensportlerin: Erfolg, Emotionen...
Mit welchen Problemen wurden Sie während und nach dem Rücktritt konfrontiert?
Mit der Organisation im Leben. Bisher musste ich mir nie überlegen, wohin ich in die Sommerferien gehen sollte – ich hatte keine. Auch intensive Freundschaften hatte ich während der Karriere kaum pflegen können, da ich einfach nie Zeit hatte. Ein grosses Problem war nach dem Rücktritt auch die fehlende körperliche Belastung. Sport war meine Sucht, die nicht so einfach verdrängt werden konnte. Ich war richtig hyperaktiv und die Trainings fehlten mir. Nach Karriere-Ende plante ich deshalb fast mehr Zeit für Aktivitäten ein als zuvor. Biken, Joggen, Skaten, Schwimmen, Badminton – alles wollte ich machen, wenn möglich jeden Tag. Ich suchte mir andere Wege, um an körperliche Grenzen zu gelangen. Nach einem halben Jahr hat sich die Sache nun langsam eingependelt.
Wie stark hat sich Ihr Umfeld nach dem Rücktritt verändert?
Die Familienanlässe kann ich heute häufiger besuchen, das ist herrlich! Für Freunde habe ich auch mehr Zeit, auch wenn ich sie möglichst in Kombination mit Sport treffen möchte. Zeitlich wurde ich flexibler, beim Geschäftsweihnachtsessen muss ich nicht mehr passen, die Kinobesuche sind wieder öfters… Und seit dieser Saison bin ich Physiotherapeutin meiner ehemaligen Ladies. So kann ich diese Freundschaften nun doch noch weitergeniessen, wenn auch nicht mehr so intensiv.
Wie wichtig waren Ihr Sport-Netzwerk und Ihre Erfahrungen als Spitzensportlerin bei der Jobsuche?
Sehr wichtig! Als Physiotherapeutin habe ich jeden Tag mit Sportlern zu tun, da ist meine Erfahrung Gold wert. Und ich konnte bei der Stellensuche Vitamin B spielen lassen. Meine ehemalige Physiotherapeutin der Nationalmannschaft stellte mich meinem jetzigen Chef vor. Zudem betreue ich jetzt mein ehemaliges Unihockeyteam.
Von welchen Qualitäten einer Spitzensportlerin können Sie heute noch profitieren?
Von der mentalen Stärke in brenzligen Situationen. Ich glaube, ich kann länger kühlen Kopf bewahren als andere. Der Biss und der Ehrgeiz, um ein Ziel zu erreichen, ist mir geblieben, ich gebe nicht auf, bis ich es schaffe. Auch die Teamfähigkeit fällt mir nicht schwer.

...Kampf- und Teamgeist.
Wie wichtig ist Sport heute für Sie?
Ich lebe noch immer für den Sport! Ohne ihn bin ich nichts. Habe ich ein mentales Tief, treibe ich Sport und schon sind die Sorgen verflogen.
Steckbrief Person:
Name: Anna Bürgi
Alter: 29
Sportart: Unihockey (von 2001 bis 2010)
Grösste Erfolge: Unihockey-Weltmeister 2005, 2. Rang Weltmeisterschaften 2009, Europacupsieger mit dem UHC Dietlikon 2007 und 2008; Schweizermeister 2003, 2006, 2007, 2008 und 2009; Schweizer Cupsieger 2002, 2006, 2008 und 2009.
Ausbildung: Studium zur Physiotherapeutin, KV, Detailhandelsangestellte
Beruf: Physiotherapeutin
In der Serie «Spitzensport - und was dann?» stellen wir ehemaligen Spitzenathletinnen und -athleten Fragen zu ihrer Nachsportkarriere.