1. Oktober 2010, paul.stauffer

Schüler diskutieren über ethische Grundsätze - dank «Olympic Spirit»

Olympische Spiele faszinieren. Packende Wettkämpfe werden über das Fernsehen in die ganze Welt verbreitet. Die Siegerinnen und Sieger werden bejubelt, die Medaillen gezählt, tragische Helden erfahren Mitgefühl. «Exoten» wie Eric Moussambani aus Äquatorial Guinea, der in Sydney im Vorlauf über 100 Meter Crawl eine Minute länger benötigte als der Schnellste, können zum Gegenstand hitzig geführter Diskussionen werden. Auch in den Schulen werden wir Lehrkräfte zu Zeugen von Gesprächen zu Vorfällen an Olympischen Spielen unter Schülerinnen und Schülern. Auch sie geraten ins Spannungsfeld der Emotionen. Dario Colognas Sieg über 15 Kilometer im Langlauf in Vancouver wurde bei meinen Schülern mit Stolz zur Kenntnis genommen und kommentiert, sein Sturz in der Schlusskurve des 50 Kilometer-Laufs löste auch bei ihnen Gefühle des Mitleids aus.


Erzieherischer Grundstein der Olympischen Bewegung
In der Olympischen Bewegung und der Olympischen Idee steckt bedeutend mehr als die spannenden Wettkämpfe an Olympischen Spielen. Pierre de Coubertin, der Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, legte von Anfang an auch einen erzieherischen Grundstein in die Bewegung, der heute in der globalisierten Welt an Bedeutung nichts verloren hat.

Seit 2004 nimmt Swiss Olympic die Chance wahr, Lehrkräften und damit auch Schülerinnen und Schülern mit Unterrichtsmaterialien die Möglichkeit zu geben, die Olympischen Spiele, aber auch die Olympische Idee nutzbar zu machen. Und zwar mit themenübergreifenden Inhalten auf mittlerweile allen Schulstufen für die Schule und die erzieherischen Aufgaben. Abgestimmt auf die Lehrpläne lassen sich damit Ziele mit einem für die Schule nicht alltäglichen Inhalt realisieren.

Olympische Spiele – Stoff für positiv-kontroverse Auseinandersetzungen
Viele Schulklassen sind heute bedeutend heterogener als früher. Die Veränderung der Bevölkerungszusammensetzung in der Schweiz kommt auch in den Schulklassen zum Ausdruck und führt nicht selten zu sozialen Schwierigkeiten. Das Unterrichten ist auch durch die Schnelllebigkeit und die Überflutung mit Reizen und Angeboten, die es den Jugendlichen erschweren, sich zu konzentrieren, nicht einfacher geworden. Pädagogen, Erziehungswissenschafter und Politiker suchen nach Gegenmassnahmen, werden fündig, aber ihre «Heilmittel» sind oft widersprüchlich.

Die Olympische Idee bietet einen Ansatz, solche Schwierigkeiten einmal von einer anderen, eher überraschenden Seite anzugehen und Positives zu verstärken. Nicht dass die Grundsätze der Olympischen Idee völlig neu wären. Sie können aber über die auch von den Schülern vielfach als faszinierend empfundene Attraktivität der Olympischen Spiele in einen Zusammenhang gebracht werden, der einen unverbrauchten Charakter aufweist und genügend Stoff für positiv-kontroverse  Auseinandersetzungen ermöglicht.

Coubertins Olympische Idee und die darauf beruhenden pädagogischen Ansätze basieren auf
- der Vorstellung der harmonischen Ausbildung des ganzen Menschen, wobei die sportliche Betätigung einen wesentliche Einfluss hat.
- der Überzeugung, dass es wichtig ist, sich hohe persönliche Ziele zu setzen und diese anzustreben. Nicht in erster Linie der Sieg oder der Weltrekord ist das Ziel, sondern sich als Mensch immer weiter zu entwickeln.
- der Einsicht in ethische Grundsätze, die im Turnen und im Sport geübt und in  andere Lebensbereiche übertragen werden können. Sportliches Handeln wird als faires Handeln verstanden.
Respekt und Toleranz einander gegenüber, auch wenn es sich um Konkurrenten handelt. Ein Verlierer ist nicht einer, der nicht gesiegt hat, sondern einer, der dem Sieger den Sieg neidet oder der nicht seine optimale Leistung erbracht hat.
- der Einsicht, sich durch die Begegnung in Wettkämpfen besser verstehen zu lernen und einen Beitrag zur gegenseitigen Verständigung leisten zu können.

Über die Auseinandersetzung mit den Olympischen Spielen können solche ethische Grundsätze mit einem neuen und meist unverbrauchten Ansatz in die Schule eingebracht und die Schülerinnen und Schüler mit einem Thema abgeholt werden, dem sie zum grossen Teil mit Interesse begegnen.

Olympische Spiele der Schule wurden zum Dorfereignis
Unter dem Label «Olympic Spirit» stellt Swiss Olympic seit den Olympischen Spielen von Athen 2004 Unterrichtsmaterial für nunmehr jede Schulstufe zur Verfügung. Für die Mittelstufe (3. bis 6. Klasse) und die Sekundarstufe 1  (7. bis 9. Schuljahr) ist dieses für einen fächerübergreifenden Unterricht geeignet. Die Olympischen Spiele, die Olympische Idee, Geschichten von Athletinnen und Athleten, Arbeitsunterlagen zu den Austragungsstädten und –ländern, Ernährungsfragen und viele andere Themenbereiche  sind darin integriert.

Schon bei der ersten Veröffentlichung kamen in Klassen und Schulen mit der Nutzung der Materialien und durch initiative Lehrkräfte Prozesse in Gang, die zu prägenden Erlebnissen führten. Ich erinnere mich, wie in verschiedenen Schulen in einer Projektwoche zusammen mit den Schülerinnen und Schülern die Durchführung Olympischer Spiele erarbeitet wurde. T-Shirts für die verschiedenen «Länderteams» wurden bedruckt, die Olympische Fackel und das Olympische Feuer hergestellt, ein Olympischer Eid für die Schule erarbeitet, Zeremonien wie die Eröffnung der Spiele, der Einmarsch der Teams, die Siegerehrung und die Schlusszeremonie auf die Beine gestellt. Die Vorbereitung auf die Wettkämpfe war schon vorher im Turnunterricht eingebaut worden. Zu den Spielen wurden die Schulbehördemitglieder, der Gemeindepräsident, der die Spiele dann offiziell für eröffnet erklärte, und die Eltern eingeladen. Die Olympischen Spiele der Schule wurden an verschiedenen Orten zum Dorfereignis und brachten einen Impuls zur Stärkung der Dorfgemeinschaft.

 

«Kinder sind begeistert»
Mit einer gewissen Zurückhaltung habe ich den Entscheid zur Erarbeitung eines Unterrichtsmaterials für die Basisstufe (Kindergarten bis 2. Klasse) aufgenommen. Die Skepsis ist grosser Hochachtung und Begeisterung gewichen. Die «Olympischen Spiele im Zoo», eine Bildergeschichte über die Idee, die Vorarbeiten und die Durchführung von Olympischen Spielen unter Tieren in einem Zoo, sind auf die Kinder zugeschnitten. Ich sehe förmlich, mit welcher Spannung und mit welcher Begeisterung die Geschichte von ihnen aufgenommen wird. Mit der Einführung und der Umsetzung der in einem Begleitheft stufengerecht aufgearbeiteten «Trainingsideen» für verschiedene bewegungsmässige Fähigkeiten und Fertigkeiten dürften die Lehrerinnen bei den Kindern auf grossen Enthusiasmus stossen. Sie sind hervorragend auf die Bildergeschichte abgestimmt.

Auch die Sekundarstufe 2 wird seit 2008 mit sehr gutem Unterrichtsmaterial bedient. Auf dieser Stufe werden Hintergründe zu den Olympischen Spielen, aber auch zu Sportarten, Karrieren von Sportlerinnen und Sportlern, (sport-)ethischen Aspekten und charakteristischen Aspekten der Austragungsländer zur kritischen Analyse angeboten. Die Materialien eignen sich für verschiedene Fachbereiche. Für Schülergruppen, die in Gymnasien das Ergänzungsfach Sport besuchen, sind die Unterlagen dankbare Arbeitsmaterialien. Weil sie bisher zusätzlich zur deutschen auch in einer französischen oder englischen Version erschienen sind, eignen sie sich auch dafür, eine viele Schülerinnen und Schüler interessierende Aktualität in einem Fremdsprachenfach aufzunehmen.

Verdankenswerte Initiative – international wahrgenommen und anerkannt
Mit diesen Unterrichtsmitteln nimmt Swiss Olympic mehr als nur den der Olympischen Charta entspringenden Auftrag wahr, als Mitglied des IOC die Olympische Idee zu verbreiten. Swiss Olympic gibt initiativen Lehrkräften auch eine Möglichkeit, sich mit ihren Schülerinnen und Schülern einem Phänomen der Weltkultur bewusster anzunähern und dieses auch kritisch zu analysieren.

Der Deutsche Olympische Sportbund ist im deutschsprachigen Raum führend in der Herstellung von Unterrichtsmaterialien zur «Olympischen Erziehung». Swiss Olympic hat nun aber mit seiner initiativen Arbeit mit «Olympic Spirit» mit Deutschland gleichgezogen. Die Materialien von Swiss Olympic stossen auch in Deutschland in Lehrerkreisen auf Interesse.

Paul Stauffer ist Geschichts- und ehemaliger Sportlehrer am Gymnasium Köniz-Lebermatt. Er hat die «Olympic Spirit»-Lehrmittel von Swiss Olympic inhaltlich mitgeprägt und engagiert sich international für die Olympische Idee in der Schule.
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