Sich für Olympia zu qualifizieren, sei fast schwieriger, als eine Olympiamedaille zu gewinnen, sagt Sophie Lamon. Die 25-jährige Walliser Degenfechterin, die kürzlich an der EM in Leipzip den 12. Platz holte, muss es wissen: London 2012 werden bereits ihre dritten Olympischen Spiele sein – falls sie die hohen Qualifikationshürden schafft.
Wie graue Teppiche durchziehen lange Bahnen die Halle des Lausanner Fechtklubs. In der Luft riecht es noch nach dem Training der Schüler, die sich nun aus ihren Fechtuniformen schälen und in den Umkleidekabinen verschwinden. Einige blicken dabei verstohlen zu Fabian Kauter, der in der offenen Nebenhalle mit Nationaltrainer Angelo Mazzoni tausendmal den gleichen Stoss trainiert. Und zu Sophie Lamon, einer der besten Fechterinnen der Schweiz, die in kurzen Pants und orangefarbenem Sportlertop die Halle hin und hertrippelt und sich für ihr Training aufwärmt - physisch und mental, denn Fechten verlangt totale Konzentration und Präzision.

Sophie Lamon kam extra für diese Trainingswoche des Nationalkaders von Paris, ihrer momentanen Heimat, angereist. In Kürze wird sie in Leipzig an der Europameisterschaft mit ihrem Team den dritten Platz der EM 2009 in Bulgarien verteidigen. «Das war damals ein supertoller Erfolg - im genau gleichen Team wie 2005, als wir an der Junioren-WM Gold holten.» Sie seien topmotiviert, diesen Erfolg zu wiederholen.
Faszination Wettkampf
Fechten ist Sophies Welt, seit sie denken kann. Bereits ihre Eltern waren passionierte Fechter, in weisser Fechtmontur lernten sie sich kennen. Sophie verbrachte als Kind Stunden in der Fechthalle, reiste an den Wochenenden mit an die Wettkämpfe. Mit vier Jahren begann sie spielerisch mit dem Training, doch ihr Ziel war schon damals ernst: Sie wollte nicht zum Spass fechten, sondern Wettkämpfe bestreiten wie ihre Eltern.
Heute ist Sophie 25 und es ist immer noch der Wettkampf, diese Spannung, diese wenigen, alles entscheidenden Minuten, in denen ihr kein Fehler unterlaufen darf, was sie am Fechten so fasziniert. Es ist die Mischung aus Technik, Kraft und Taktik, die im Wettkampf perfekt stimmen muss. Es ist der Kampf mit der Gegnerin, die man besiegen will. «Ich liebe Fechten gerade wegen der ,compétition’», sagt die Walliserin aus Sion, «ich würde nicht als Hobby fechten – da würde ich lieber Tennis spielen. Oder Schwimmen.» Trotzdem freut es sie, dass Fechten auch bei Hobbysportlern immer beliebter wird. Fechten sei ein Traditionssport, der sich enorm demokratisiert habe, «vom Sport der Noblen zum Sport für alle», sagt Lamon.

Überraschung Olympia
Sophie Lamon ist zierlich und doch robust. Sie ist selbstbewusst und doch zurückhaltend. Von Überheblichkeit und Eitelkeit keine Spur. Und sie ist auffällig braungebrannt für eine Indoor-Sportlerin. «Manchmal frage ich mich tatsächlich, ob ich nicht besser eine Sportart gewählt hätte, bei der man draussen ist», sagt die Vollblutsportlerin und lacht. Auch diesen Nachmittag, ein schöner und heisser Sommertag, wird sie in der Halle verbringen. Doch Lamon beginnt ihr Training mit Begeisterung. Leidenschaft und Ehrgeiz sind ihre grösste Motivation.
Lamon ist jung und doch ist sie bereits eine der erfahrensten Fechterinnen der Welt. Als Elfjährige sah sie die Olympischen Spiele in Atlanta 1996 am Fernsehen. Olympia wurde zu ihrem grossen Traum. Dass es bereits vier Jahre später in Sydney 2000 soweit sein würde, hätte sie nie erwartet. Doch als sie kurz vor den Spielen als Kadette die U18-Weltmeisterschaften gewann, wurde sie vom Fechtverband im letzten Moment an einen Elitewettkampf geschickt, an dem sie sich für Sydney qualifizierte. Dass dann sie anstelle einer Elite-Fechterin an die Spiele geschickt wurde, sorgte im Team für einige Unruhe. Doch in Sydney zeigte Lamon, was sie konnte, und holte im Team Silber für die Schweiz. Und im selben Jahr auch noch den Europameistertitel mit dem Team.

Schlag auf Schlag Richtung London
Olympia fasziniert Lamon immer noch. Die Silbermedaille von Sydney werde ihren Wert nie verlieren, sagt sie, doch an Sydney denke sie nicht mehr zurück. Für Athen 2004 hatte sich Lamon nicht qualifiziert. Die Erinnerung an Peking 2008 ist jedoch noch frisch: Die Wucht der Eröffnungsfeier, an der sie mit dem Schweizer Olympiateam ins rappelvolle «Vogelnest» einmarschierte, werde sie nie vergessen, sagt Lamon. Wie auch die Gefühle am Wettkampf, an den sie von der ganzen Familie begleitet wurde.
Und London? «London rast heran», sagt Lamon, die 20 bis 25 Stunden pro Woche trainiert. Nach all der Olympia-Erfahrung, die sie bereits gesammelt hat, habe sie enorm Lust, Olympia noch einmal zu erleben. Denn auch wenn sie etwas «müder» sei als ihre weniger erfahrene Konkurrenz, habe sie noch lange nicht genug vom Fechten.
Höhepunkt in diesem Jahr wird die WM im November in Paris sein. Und dann wird bereits der Countdown für London 2012 beginnen. Ob sie in London dabei sein wird, sei jedoch noch alles andere als sicher, denn im Fechten gewinne nicht immer der Beste, sagt Lamon. In kürzester Zeit könne alles passieren: «Innerhalb von sechs Minuten kann ein Traum aus sein – oder er kann sich erfüllen.»
Diese Tatsache gehöre zum Fechten wie die Hiebe, die man manchmal einstecke, sagt Lamon. Doch schliesslich trainiere man eben gerade dafür, dass ein Wettkampf nicht nur sechs Minuten dauere. Und trotzdem: «Es ist einfacher, an Olympischen Spielen zu gewinnen, als sich für die Spiele zu qualifizieren», sagt sie.
Für London hat Lamon gleich zwei Chancen, sich zu qualifizieren: 2012 wird, im Gegensatz zu Peking 2008, auch der Team-Wettkampf für die Frauen wieder stattfinden.

Seit Peking Swiss Olympic Top Athlete
Leben kann Lamon trotzdem nicht vom Fechten. «Das Beste ist, wenn man neben dem Sport studiert», sagt sie mit einem Augenzwinkern – ein Studium lasse sich mit zwei Trainings pro Tag verbinden. Im April 2011 wird Lamon in Paris, wohin sie vor sechs Jahren nach der Matura wegen ihrem Trainer gezogen ist, ihren Master in Sport-Marketing und Unternehmensstrategie beenden.
Neben der Unterstützung durch den Verband wird Sophie Lamon seit 2008 auch als Swiss Olympic Top Athlete unterstützt, bis dahin von der Stiftung Schweizer Sporthilfe . «Das ist eine sehr wertvolle und wichtige Hilfe», sagt sie, «auch mental, denn sie zeigt mir, dass man an mich glaubt.» Kauter beendet sein Training. Lamon nimmt mit der einen Hand ihren Degen und stülpt mit der anderen den Gesichtsschutz auf und beginnt mit ihrer Trainingseinheit. Immer und immer wieder macht sie den gleichen Stoss, greift ihren Trainer an, er korrigiert sie. Leise und konzentriert tippeln die beiden in der Halle hin und her und lassen die Degen klingen.
Das Training hat sich gelohnt: An der EM in Leipzig holte Lamon am vergangenen Wochenende den 12. Platz. Im Team konnte sie die Bronzemedaille von letztem Jahr leider nicht verteidigen. Doch die Jagd auf die Medaillen geht weiter.