Im Goldenen Zeitalter des Schweizer Snowboardsports mischte Fabienne Reuteler ganz vorne mit, 2002 holte sie an den Olympischen Spielen in Salt Lake City Bronze. Seit August 2010 heisst sie Fabienne Dirksen – sie heiratete den amerikanischen Snowboardprofi Josh Dirksen. Auch sonst hat sich seit ihrem Rücktritt 2004 viel verändert in ihrem Leben.
Fabienne Dirksen, Sie waren bis 2004 Snowboard-Profi. Was waren die Gründe für Ihren Rücktritt vom Spitzensport?
Ich war zehn Jahre lang mit Herzblut im Snowboard-Zirkus mit dabei und habe mich 2004 entschieden, das Wirtschaftsstudium abzuschliessen und meine ersten Schritte in die Arbeitswelt zu machen. Ich liebe Abwechslung und neue Herausforderungen. Im Leben hat man nur begrenzt Zeit und meine Zeit möchte ich mit möglichst vielen verschiedenen Erfahrungen füllen. Im Snowboarden habe ich alles erreicht, was ich mir erträumen konnte. Im 2004 kam die Zeit für Neues.

Fabienne Reuteler in Salt Lake City 2002... ...und nach ihrer Karriere in Peru. (Fotos: Keystone/zvg)
Worauf freuten Sie sich nach dem Rücktritt am meisten? Wovor hatten Sie Angst?
Ich freute mich am meisten auf meine zurückgewonnene Freizeit. Mehr zu Hause zu sein und mehr Zeit mit meiner Familie und mit meinen Freunden zu verbringen. Angstgefühle hatte ich keine. Ich hatte eine Entscheidung getroffen und freute mich auf die Umstellung.
Wie schnell fanden Sie nach dem Rücktritt eine Stelle? Bei wem?
2006 schloss ich mein Wirtschaftsstudium ab und stieg dann direkt bei der Sportvermarktungsagentur «Infront Sports & Media» im Wintersport-Team ein. Bruno Marty ermöglichte mir damals den Einstieg in die Sportvermarktung. Er ist Executive Director bei Infront im Wintersport und ich betreute damals die Vermarktung der Bob-, Skeleton- und Rennrodel-Weltcups. Zudem arbeitete ich durch Infront an der IIHF Eishockey-WM in Quebec.
Wie ging es weiter?
Nach zwei Jahren bei Infront wollte ich meinen Traum einer Weltreise erfüllen. Ich kündigte meinen Job, gab meine Wohnung auf und reiste ein Jahr lang mit Surfboard und Snowboard durch Nord-, Mittel- und Südamerika. Die Reise war sehr eindrucksvoll. Während meiner Reise durch Südamerika arbeitete ich fünf Wochen lang in einem Armenviertel in Peru und lernte das Leben von einer anderen Seite kennen. Diese Eindrücke haben mich sehr geprägt.

In welchem Beruf arbeiten Sie heute?
Auf der Weiterreise durch Chile kam eines Tages eine E-mail von meinem Vater. Er teilte mir mit, dass es in Wollerau eine Sportvermarktungsfirma geben wird und dass ich mich doch bewerben soll. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich natürlich noch nichts von einem neuen Job wissen. Aber wie sich später herausstellte, wissen es die Eltern doch immer am Besten. Nach meiner Rückkehr stellte ich mich bei Christian Pirzer, dem CEO der FIS Marketing AG in Wollerau, vor und erhielt den Job prompt. Jetzt arbeite ich seit über einem Jahr für die neue Vermarktungsagentur des Internationalen Skiverbandes. Der Job macht Spass und fordert mich auf gute Art und Weise.
Hatten Sie sich schon vor dem Rücktritt mit dem Übergang zur Nachsportkarriere auseinandergesetzt?
Auf jeden Fall. Ich wollte stets am Ball bleiben und mir möglichst viele Türen offen halten. Ich begann bereits nach der Matura mit dem Fernstudium an der Fern-Universität Hagen.
Mit welchen Problemen wurden Sie während und nach dem Rücktritt konfrontiert?
Ich sprach damals mit vielen Freunden und mit meiner Familie über den Rücktritt. Jede Person hatte eine andere Meinung und am Schluss nahm mir niemand die Entscheidung ab, ob ich zurücktreten sollte und wann der richtige Zeitpunkt war. Das war für mich sehr schwierig. Die Entscheidung muss man schlussendlich ganz alleine für sich treffen. Nach einem Rücktritt muss man lernen damit umzugehen, dass das Interesse an seiner Person immer weiter abnimmt. Man bezahlt plötzlich wieder für alles, was einem vorher geschenkt wurde (Autos, Kleider, Kontaktlinsen, Lifttickets etc.). Auf dem Telefon hat man plötzlich nicht mehr neun verpasste Anrufe, wenn man vom Snowboarden zurück kommt. Das Leben nach dem Spitzensport ist eine vollkommen neue und nicht einfache Situation.

Wie gingen Sie damit um, plötzlich viel mehr freie Zeit zu haben? Wie ging es Ihrem Körper?
Ich genoss meine neu gewonne Zeit sehr. Ich nahm alte Hobbies wieder auf und war viel mit Freunden und Familie unterwegs. Ich hörte nie auf, regelmässig Sport zu treiben und hatte daher keine Probleme mit meinem Körper.
Wie stark hat sich Ihr Umfeld nach dem Rücktritt verändert?
Mein Umfeld veränderte sich sehr stark. Ich verliess mein vertrautes Umfeld und habe die meisten meiner Snowboard-Freunde aus dem Weltcup seit meinem Rücktritt nicht mehr oft gesehen. Dafür habe ich beim Studium und bei der Arbeit neue Freunde gewonnen. Mit einem Grossteil meiner Sponsoren habe ich bis heute guten Kontakt. Bei Salomon und Bonfire bin ich immer noch Teil des Friends&Family-Teams. Ich düse nach wie vor auf Salomon-Snowboards und mit Bonfire-Kleidern über die Pisten. Das sind gute Kontakte, die erhalten blieben und die ich auch sehr schätze. Ich bin froh, dass ich stets den Kontakt zu meinen «alten» Freunden gepflegt hatte. Die Familie und die guten Freunde sind als fester Wert erhalten geblieben. Das war für mich sehr wichtig und hat mir viel Halt gegeben.
Wie wichtig waren Ihr Sport-Netzwerk und Ihre Erfahrungen als Spitzensportlerin bei der Jobsuche?
Mein Netzwerk, welches ich mir als Spitzensportlerin aufgebaut hatte, war bei der Jobsuche sehr viel wert. Meine Erfahrungen ebenfalls, da ich mich als Spitzensportlerin selbst vermarktet habe.
Von welchen Qualitäten einer Spitzensportlerin können Sie heute noch profitieren?
Ich bin sehr zielstrebig und will immer alles bestmöglich machen. Ich habe aber auch die nötige Gelassenheit mitgenommen und versuche immer, aus jeder Situation das Beste zu machen.
Wie wichtig ist Sport heute für Sie?
Sport steht bei mir an oberster Stelle. Ich treibe fast täglich Sport, gehe über Mittag laufen, ins Krafttraining oder am Abend auf die Langlaufloipe in Rothenthurm. Und am Wochenende gehe ich auf den Hoch-Ybrig snowboarden!
Steckbrief:
Name: Fabienne Dirksen (-Reuteler)
Alter: 31
Sportart: Snowboard Halfpipe (von 1997 bis 2004)
Grösste Erfolge: Junioren-Weltmeisterin Halfpipe 1999, Weltmeisterin Halfpipe 2002, Olympiabronze Halfpipe Salt Lake City 2002
Höchste Ausbildung: Wirtschaftsstudium
Beruf: Sportvermarktung
In der Serie «Spitzensport - und was dann?» stellen wir ehemaligen Spitzenathletinnen und -athleten Fragen zu ihrer Nachsportkarriere.