Sergei Aschwanden, Ex-Judoka, holte an den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking Bronze. Danach trat er vom Spitzensport zurück. Wir haben bei ihm nachgefragt, was die Olympiamedaille für ihn und sein Leben bedeutet.

Sergei Aschwanden bei der Siegerehrung in Peking 2008 (Foto: Keystone)
Sergei Aschwanden, Sie scheiterten 2000 in Sydney und 2004 in Athen zweimal an Olympia. Fiel es Ihnen schwer, sich für Peking nochmals zu motivieren?
Ich sagte bereits mit 13 Jahren, ich wolle Judoprofi werden und eine Olympiamedaille gewinnen. Von diesem Ziel liess ich mich auch durch die zwei Niederlagen nicht abbringen. Im Gegenteil: ich wollte verstehen, warum ich verlor, daraus lernen und besser werden. Das gelang mir dann auch.
Relativiert sich Ihr Erfolg in Anbetracht der Niederlagen, die Sie einstecken mussten?
Klar. Ich habe erfahren, dass es immer auf beide Seiten kippen kann. Sieg und Niederlage liegen sehr nahe beieinander. Gerade im Judo kann man alles richtig machen und trotzdem verlieren: Wenn der Gegner zum rechten Zeitpunkt seinen Fuss am rechten Ort hat, muss man nach fünf Sekunden bereits seine Sachen packen und nach Hause fahren. Judo ist, wie wenn im Tennis immer Matchball wäre. Oder wie das Leben selbst: hart, aber ehrlich.
Was bedeutet Ihnen Ihre Olympiamedaille?
Der Wert der Olympiamedaille ist für mich unschätzbar. Was im Fussball die WM und im Tennis die Grand-Slam-Turniere sind, ist im Judo Olympia. Von vielen Medaillen weiss ich nicht mehr, wo sie sind. Die liegen irgendwo bei meinen Eltern. Wo sich meine Bronzemedaille aus Peking befindet, weiss ich hingegen ganz genau. Und vielleicht hilft das folgende Beispiel Ihnen, sich die Bedeutung zu vergegenwärtigen, welche diese Medaille für mich hat: Ich erwache heute noch manchmal aus Albträumen, in denen ich es nicht schaffte, an Olympischen Spielen eine Medaille zu gewinnen.

Die Freude über den dritten Platz und als Fahnenträger and der Schlussfeier in Peking (Fotos: Keystone)
Was bedeutet Olympia für eine «kleine» Sportart wie Judo?
Die Olympischen Spiele verhelfen «kleinen» Sportarten zu öffentlicher Präsenz und Anerkennung. Die Leute merken auf einmal, welch faszinierender Sport Judo ist.
Sie sprachen die öffentliche Präsenz an: Wird man etwas auf dem falschen Fuss erwischt, wenn man als Judoka durch einen Erfolg an Olympischen Spielen plötzlich im Fokus der Presse steht?
Sehen Sie, nach meinem zweimaligen Scheitern in Sydney und Athen machten mich die Medien etwas zum «Deppen der Nation». Daraus lernte ich, wie das Spiel funktioniert, und hatte 2008 dann eine klare Linie im Umgang mit der Presse: ehrlich sein und gleichzeitig Grenzen setzen. Ich sagte immer, mein Privatleben gehe die Öffentlichkeit nichts an, und verhielt mich auch dementsprechend. Ich machte die Erfahrung, dass Journalisten die Grenzen respektieren, wenn man konsequent ist.
Können Sie Ihre Popularität nutzen, um Ihre Erfahrungen aus dem Spitzensport weiterzugeben?
Ich kann in verschiedenen IOC-Gremien die Athletensicht einbringen. Zum Beispiel berate ich das IOC im Bereich der Kommunikation gegenüber Athletinnen und Athleten. Auch werde ich immer wieder einmal von unterschiedlichen Institutionen eingeladen, um Referate rund um den Spitzensport zu halten: über mentale Stärke, den Umgang mit Erfolgen und Niederlagen etc. Dies ist bestimmt auch auf meinen Erfolg in Peking, auf die Bekanntheit, die ich dadurch erlangte, zurückzuführen.

Aschwanden beim Empfang am Flughafen Kloten nach «Beijing 2008» (Foto: Keystone)
Wird man als Olympiamedaillengewinner ernster genommen als jemand, dem in seiner Karriere ein solch grosser Erfolg verwehrt blieb?
Ja, mein Erfolg an Olympia verleiht dem, was ich sage, ein gewisses Gewicht. Manchmal sage ich in meinen Referaten zum Publikum: «Was mir meine Olympiamedaille gebracht hat, ist, dass ich nun hier vor Ihnen stehe – und dass Sie glauben, was ich Ihnen erzähle.» Es ist ja nicht so, dass ich etwas anderes sagen würde, wenn ich diese Medaille nicht gewonnen hätte. Ich bringe 18 Jahre Erfahrung im Leistungssport mit, da ist mein Erfolg in Peking nur die Spitze des Eisberges.
Haben Sie auch finanziell von Ihrer olympischen Medaille profitiert?
Ich habe zwei Sponsoren, die mich weiterhin unterstützen. Zudem kann ich mit der Stadt Lausanne ein Sozialprojekt mit Schulkindern durchführen. Und klar verlange ich etwas, wenn ich irgendwo referiere. Manche verstehen das nicht, sagen, dass andere es gratis machen würden. Aber schliesslich bin ich kein Profifussballer, der so viel verdient, dass er nicht aufs Geld angewiesen ist. Ich muss mein Studium finanzieren können.
Sie nutzen also Ihre Bekanntheit, um Ihr Studium finanzieren zu können?
Wäre ich nach Peking nicht zurückgetreten, hätte ich als Spitzensportler wohl bis London noch recht gutes Geld verdienen können. Ich finde es in Ordnung, wenn ich trotz Rücktritt nun noch etwas von meinem sportlichen Erfolg profitieren kann. Schliesslich habe ich über lange Zeit sehr viel in den Spitzensport investiert.

Sergei Aschwanden im Sommer 2011 (Foto: Swiss Olympic)
Gehen Sie davon aus, dass Sie noch lange an Ihrer Olympiamedaille verdienen werden?
Nein. Ich lebe nicht in der Vergangenheit. Egal was ich in Zukunft machen werde, ich möchte nicht dafür respektiert werden, dass ich einmal Olympia-Bronze gewann, sondern für die Kompetenzen, die ich für meine Tätigkeit mitbringe. Nach «London 2012» werde ich mein Studium hoffentlich beendet haben und einer Arbeit nachgehen, wie die meisten anderen Leute auch. Dann sollen Junge nachkommen und mit dem Sport Geld verdienen.
Steckbrief
Name: Sergei Aschwanden
Jahrgang: 1975
Sportart: Judo (von 1983 bis 2008)
Grösste Erfolge: 2000 EM-Gold, 2001 WM-Bronze, 2003 EM-Gold und WM-Silber, 2008 Olympia-Bronze
Ausbildung: Student an der Universität Lausanne (Sport und Wirtschaft)
Beruf: Sportdirektor Mikami Judo Klub, Judo-Lehrer, Berater IOC