Stefan Kobel war im Team mit Patrick Heuscher nahezu unschlagbar – bis er 2006 aufhörte. Heute ist der Olympiadritte von Athen 2004 Vater, Trainer und Leiter des neuen Nationalen Leistungszentrums von Swiss Volley in Bern.
Stefan Kobel, Sie waren bis Ende 2006 Beachvolley-Profi. Was waren die Gründe für Ihren Rücktritt vom Spitzensport?
Der Hauptgrund war meine Wettkampfmüdigkeit. Ich war zwar gut organisiert, aber das Leben als Beachvolley-Profi wurde zur Belastung, auch gesundheitlich. Fit und gesund zu sein, um gute Resultate zu bringen, war bis dahin immer im Zentrum meines Lebens gestanden. Gesund zu bleiben wurde immer mehr zum Stress. Ausserdem suchte ich neue Herausforderungen und hatte Lust, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen und eine Familie zu gründen. Ich wollte für den Rücktritt einen Moment erwischen, an dem ich noch stolz auf meine Leistung sein konnte. Für mich war immer klar, dass ich nicht spiele, bis ich aus den Ranglisten falle.

Worauf freuten Sie sich nach dem Rücktritt am meisten?
Darauf, dass die Reiserei und der Wettkampfstress vorbei waren und dass ich die Prioritäten in meinem Leben wieder einmal anders setzen konnte. Ich freute mich auf den neuen Lebensabschnitt und war sehr offen, um neue Sachen anzugehen. Nicht dass ich vorher wegen des Sports auf bestimmte Sachen hätte verzichten müssen – ich hatte mein Sportlerleben in vollen Zügen genossen. Trotzdem freute ich mich auf die Veränderung in meinem Leben.
Wovor hatten Sie Angst?
Angst hat man immer, wenn man einen solchen Entscheid trifft. Ich hatte Angst, dass ich den Rücktritt bereuen könnte, dass er vielleicht zu früh war. Dass ich den Spitzensport vermissen könnte. Ich hatte auch Angst vor dem Moment, an dem ich das erste Mal als Trainer an einen Wettkampf gehen würde. Die ehemalige Konkurrenz zu sehen und selber nicht mehr richtig dabei zu sein. Ich hatte als Spitzensportler ein privilegiertes Leben geführt und ich war mir bewusst, dass ein Rücktritt nicht so einfach rückgängig gemacht werden konnte – nicht zuletzt wegen meines Spielpartners und dem Team.
Wie und wie schnell fanden Sie nach dem Rücktritt eine Stelle? Bei wem?
Es lief alles fliessend. Als mein Entscheid fest stand, suchte ich das Gespräch mit vielen Leuten, unter anderem auch mit der Abteilung Karriereplanung von Swiss Olympic. Ich wollte herausfinden, wo ich die berufliche Karriere anknüpfen sollte. Ich hatte bereits einen Rucksack mit einem abgeschlossenen Sportstudium und einer Sportlerkarriere, ich musste also nicht bei Null anfangen. Nach dem Rücktritt nahm ich eine 50-Prozent-Stelle bei Swiss Volley an, ich übernahm das Projekt Nationales Leistungszentrum. Parallel dazu entschied ich mich, die Swiss Olympic Trainerausbildungen zu machen. Schon 2007 betreute ich ein paar Nachwuchsspieler. Beim ersten Wettkampf als Trainer war ich übrigens froh, nicht selber im Sand zu stehen und alles von aussen als Trainer beobachten zu können.
In welchem Beruf arbeiten Sie heute?
Heute bin ich Leiter des Nationalen Leistungszentrums in Bern, welches 2009 eröffnet wurde. Ausserdem bin ich Teamtrainer von Laciga/Weingart und Heyer/Chevallier. Den Job als Trainer mache ich sehr gerne.

Hatten Sie sich schon vor dem Rücktritt mit dem Übergang zur Nachsportkarriere auseinandergesetzt?
Mein Studium schloss ich ab, bevor ich Profisportler wurde – es ging alles fliessend. Voll gearbeitet habe ich nach dem Studium nie. Als ich über den Rücktritt nachdachte, überlegte ich mir auch, was es für Möglichkeiten gibt, um wieder in die Arbeitswelt einzusteigen. Das war ein Prozess.
Mit welchen Problemen wurden Sie während und nach dem Rücktritt konfrontiert?
Mit keinen, im Gegenteil. Ich erhielt plötzlich Anfragen für Projekte und Jobangebote, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Ich musste mir überlegen: In was lohnt es sich zu investieren? Wo kann ich langfristig Fuss fassen? Wovon lasse ich besser die Finger? In der Sportwelt ist es gefährlich, dass man sich verzettelt.
Wie gingen Sie damit um, plötzlich viel mehr freie Zeit zu haben?
Ich hatte nach dem Rücktritt gar nicht unbedingt mehr Zeit als vorher – im Gegenteil: Die Arbeitszeit hat sich erhöht. Als Profisportler hatte ich ein geregeltes Athletenleben, pro Tag trainierte ich vier Stunden, dazu kamen die Reisen und Wettkämpfe. Ich hatte das Privileg, Vollprofi zu sein, ich musste nicht nebenbei arbeiten. Zu meinen, dass man nach dem Rücktritt mehr Zeit hat, könnte für Athleten ein Stolperstein sein.
Wie ging es Ihrem Körper?
Zuerst atmete der Körper durch, als die grosse Belastung wegfiel. Chronische Verletzungen waren nach einem halbem Jahr weg. Danach kam das Gegenteil: Ich hatte das Bedürfnis, mich zu bewegen, Sport zu treiben. Ich wurde polysportiver. Das Problem ist eher im Kopf: Als Leistungssportler ist man so top trainiert – dieses Körpergefühl vermisst man nach dem Rücktritt. Man merkt, dass man schwächer wird.
Wie stark hat sich Ihr Umfeld nach dem Rücktritt verändert?
Nach meinem Rücktritt heiratete ich und wurde Vater – dadurch ist mein Umfeld, im familiären Sinn, gewachsen. Das restliche Beziehungsumfeld, rund um den Sport, blieb das gleiche.
Wie wichtig waren Ihr Sport-Netzwerk und Ihre Erfahrungen als Spitzensportler bei der Jobsuche?
Sehr wichtig. In allen meinen Jobs hilft mir meine Erfahrung enorm viel. Und besonders als Talentcoach merke ich, dass ich dank meiner Sportkarriere immer schnell auf grosse Akzeptanz stosse. Auch bei der Jobsuche konnte ich auf mein Netzwerk zugreifen. Also eigentlich griff mein Netzwerk zu – nicht ich –, sobald mein Entscheid publik war.
Von welchen Qualitäten eines Spitzensportlers können Sie heute noch profitieren?
Ich habe gelernt, mich auf Ziele zu fokussieren. Projekte gehe ich zielgerichtet an und ich analysiere immer: sind wir noch auf dem richtigen Weg? Durchbeissen und die Disziplin, die es braucht, um etwas abzuschliessen, habe ich sicher auch durch den Sport gelernt.
Wie wichtig ist Sport heute für Sie?
Sehr wichtig. Die körperliche Fitness und ein gesundes Körpergefühl sind für mich wichtig. Dies versuche ich auch mit meiner Familie und meinen Kindern auszuleben. Sport interessiert mich sehr und ich habe einen grossen Erfahrungsschatz. Mich interessieren aber auch andere Themen und ich könnte mir durchaus vorstellen, in einem nichtsportlichen Bereich zu arbeiten.
Steckbrief Person:
Name: Stefan Kobel
Alter: 36
Sportart: Beachvolleyball (von 1995 bis 2006)
Grösste Erfolge: Bronzemedaille an den Olympischen Spielen in Athen 2004, drei Turniersiege World Tour 2006, 2005, 2004.
Höchste Ausbildung: Turn- und Sportlehrer ETH, Diplomtrainer Swiss Olympic
Beruf: Trainer, Sportfunktionär
In der Serie «Spitzensport - und was dann?» stellen wir ehemaligen Spitzenathletinnen und -athleten Fragen zu ihrer Nachsportkarriere.