Judoka Sergei Aschwanden holte an den Olympischen Spielen in Peking 2008 Bronze und trat danach vom Spitzensport zurück. Im Interview erzählt er, wie er den Übergang zur Nachsportkarriere gemeistert hat.
Sergei Aschwanden heute.... (Foto: zvg) ...und 2008 in Peking. (Foto: Keytone)
Sergei Aschwanden, Sie waren bis Ende 2008 Profi-Judoka. Was waren die Gründe für Ihren Rücktritt vom Spitzensport?
Am Tag nachdem ich an den Olympischen Spielen in Peking 2008 die Bronzemedaille gewonnen hatte, stellte ich fest, dass irgendetwas fehlte. In mir hatte sich eine Ruhe, eine Zufriedenheit ausgebreitet. Am Anfang dachte ich, dies sei nur wegen der Müdigkeit, da ich die ganze Nacht nicht geschlafen hatte. Aber das Gefühl blieb und blieb, auch Monate später. Ich nahm mir bewusst Zeit, um sicher zu sein. Ich sagte mir immer: Wenn ich nicht mehr bereit bin, im Sport 200 Prozent zu geben, ist es Zeit zum Aufhören. Und das habe ich dann auch getan. Bis heute vermisste ich den Leistungssport keine Sekunde lang und ich bin mehr als glücklich und zufrieden mit allem, was ich erleben durfte.
Worauf freuten Sie sich nach dem Rücktritt am meisten? Wovor hatten Sie Angst?
Ich freute mich auf nichts Besonderes, ausser darauf, mehr Zeit mit meinem engen Umfeld zu verbringen und meine Ausbildung fortzusetzen. Angst hatte ich keine, da ich meine Karriere auf eine Art und Weise beenden konnte, wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Ausserdem hatte ich mehrere Projekte, die am Laufen waren – und von dem her genug zu tun.
Wie und wie schnell fanden Sie nach dem Rücktritt eine Stelle? Bei wem?
Ich hatte schon während meiner Sportkarriere mit der Ausbildung angefangen und fand den Übergang in die Berufswelt daher problemlos. Ich arbeite eigentlich noch nicht richtig. Ich studiere Sport und Wirtschaft an der Universität Lausanne, damit ich später in der Sport-Administration arbeiten kann, zum Beispiel bei Swiss Olympic, beim IOC oder bei einem Sportamt. Neben dem Studium habe ich verschiedene Jobs. Ich bin Sportdirektor meines Judo-Vereins Mikami Judo Klub Lausanne, arbeite in einem Sozialprojekt der Stadt und des Kantons Waadt mit, in dem Kinder der Kindergarten- und Primarstufe einmal pro Woche eine Stunde Judo machen, dann arbeite ich auch noch als Berater für das IOC in den Bereichen Karriere-Planung für Athleten, IOC-Corner und in anderen Bereichen, in denen die Meinung eines Athleten gefragt ist.
Hatten Sie sich schon vor dem Rücktritt mit dem Übergang zur Nachsportkarriere auseinandergesetzt?
Ja, und zwar, indem ich bereits während meiner Karriere mit meiner Ausbildung anfing. Wir – mein Trainer Leo Held, ich und mein ganzes Team – hatten uns immer Gedanken gemacht, wie es weiter gehen soll, wenn ich einmal mit dem Leistungssport aufhöre. Und ich war froh, dass das Bundesamt für Sport Lena Göldi und mich unterstützte, damit wir Sport und Studium verbinden konnten.
Mit welchen Problemen wurden Sie während und nach dem Rücktritt konfrontiert?
Ich habe das Glück, dass mir sehr viele Leute helfen, mein Studium so gut wie möglich über die Bühne zu kriegen, damit ich so schnell wie möglich in die Berufwelt einsteigen kann. Die Schwierigkeit in der Schweiz ist, dass man Spitzensportler sehr schnell vergisst, wenn sie aufhören. Das gehört zum Sport, aber das Problem ist, dass man den Sportlern wenig Hilfe anbietet, finanziell wie logistisch. Wenn ein Athlet nicht selber schaut und sich informiert, besteht die Gefahr, dass er sich schnell alleine gelassen fühlt. Ich habe zum Glück ein super Umfeld, das mir die richtigen Tipps gab, um den Übergang problemlos zu schaffen.
Wie gingen Sie damit um, plötzlich viel mehr freie Zeit zu haben?
Ich habe heute eigentlich weniger Zeit als damals als Leistungssportler. Ich habe so viel um die Ohren – manchmal zu viel. Aber das gehört dazu. Ich bin in einer Phase der Neuorientierung und lasse mir viele Türe offen, damit ich die Möglichkeit habe, mich für das zu entscheiden, was mir am meisten Spass macht.

Wie stark hat sich Ihr Umfeld nach dem Rücktritt verändert?
Mein Umfeld hat sich kaum verändert. Mit Umfeld meine ich meine Familie, meine Freundin, meine Kumpels, mein Manager, meine Trainingspartner, mein Physiotherapeut, mein Arzt, mein Mental-Betreuer, mein Ernährungsberater, mein Trainer, meine Mannschaftskollegen. Alle diese Leute sind mit der Zeit meine Freunde geworden und mit denen pflege ich heute noch sehr guten Kontakt.
Wie wichtig waren Ihr Sport-Netzwerk und Ihre Erfahrungen als Spitzensportler bei der Jobsuche?
Ich hatte das Glück – oder das Pech, das ist Ansichtssache –, eine Sportart zu betreiben, die in der Schweiz nur während Olympischen Spielen von den Medien wahrgenommen wird. Ich versuchte immer, mich selber zu sein und mein Bestes zugeben, was mir meistens gelungen ist. Dadurch konnte ich gute, interessante Leute kennenlernen, die immer zuerst den Menschen und dann den Sportler in mir sahen. Daher habe ich heute ein kleines Netzwerk, in dem es in erster Linie um die Freundschaft geht und nicht nur um Business. Ich denke, die jungen Sportler sollten sich auf den Sport konzentrieren – der Rest kommt dann von alleine.
Von welchen Qualitäten eines Spitzensportlers können Sie heute noch profitieren?
Ein Spitzensportler kann viele Qualitäten mitnehmen, je nach Person. So etwa Disziplin, Beharrlichkeit, Fokus, Willen, Durchsetzungsvermögen, Geduld, mit Rückschlägen und Druck umgehen zu können, und vieles mehr. Alle diese Fähigkeiten helfen mir im Alltag, in der Schule, im Beruf und in der Freizeit. Und noch etwas ist geblieben: Ich hasse es immer noch zu verlieren, auch wenn ich nur zum Spass spiele…
Wie wichtig ist Sport heute für Sie?
Sport war, ist und wird immer mein Leben sein. Ich liebe Sport über alles, er macht mich glücklich, traurig, wütend, er bringt mich zum Weinen und zum Lachen. Es gibt nichts, was mehr Emotionen in mir hervorruft als Sport. Und deshalb werde ich mein Leben lang etwas arbeiten, bei dem ich mit Sport zu tun habe.
Steckbrief
Name: Sergei Aschwanden
Alter: 35
Sportart: Judo (von 1983 bis 2008)
Grösste Erfolge: 2000 EM-Gold, 2001 WM-Bronze, 2003 EM-Gold und WM-Silber, 2008 Olympia-Bronze
Ausbildung: Student an der Universität Lausanne (Sport und Wirtschaft)
Beruf: Sportdirektor Mikami Judo Klub, Judo-Lehrer, Berater IOC
In der Serie «Spitzensport - und was dann?» stellen wir ehemaligen Spitzenathletinnen und -athleten Fragen zu ihrer Nachsportkarriere.