Ich war erst 16 Jahre alt, als ich von zuhause auszog, um mein Leben ganz dem Sport zu widmen. In der Badminton-Szene der Schweiz hatte ich keine Konkurrenz mehr. Zuerst ging ich von Brig nach Dänemark, dort waren die Trainingsbedingungen viel besser als in der Schweiz. Später trainierte und lebte ich im Olympiastützpunkt Saarbrücken in Deutschland. Dort war es noch einmal eine Stufe härter. Nun bin ich seit August wieder in der Schweiz – nach neun Jahren im Ausland. Gegangen bin ich als Nummer 200 der Weltrangliste, nun bin ich die Nummer 33.

Bild: Keystone
Der Grund, weshalb ich zurückgekehrt bin, ist ganz einfach: Das Center des Internationalen Badmintonverbandes in Saarbrücken wurde geschlossen, aus politischen Gründen. Ich hatte noch andere Angebote aus Dänemark und Bulgarien. Doch ich sagte mir: Jetzt gibst du der Schweiz eine Chance. Ich habe hier jetzt viel bessere Möglichkeiten als früher. Denn nach den harten Jahren in Saarbrücken weiss ich jetzt selber, wie ich trainieren muss. Ausserdem hat die Schweiz mit Asger Madsen einen neuen Nationaltrainer. Dieser hat mir einen eigenen Trainier organisiert, Pierre Pelepussi. Er war selber Top-15-Spieler, von ihm werde ich viel lernen können. Dazu habe ich neu mit Fabian Lüthi auch noch einen Top Fitness-Coach. Das Training mit ihm ist genau das, was mir vorher gefehlt hat.
Die Zeit im Ausland hat mich geprägt. Ich bin sehr erwachsen und selbständig geworden. Ich habe mein eigenes Ding durchgezogen, das hat mich stark gemacht. Die ersten Jahre waren jedoch die härtesten meines Lebens. Jetzt ist es komisch, wieder zurück zu sein. Der Abschied von meinen Freunden in Deutschland war nicht einfach. Ich hatte eine tolle Zeit dort, auch in Sachen Trainingsschulung – unsere Trainerin war eine ehemalige Top-2-Spielerin. Trotzdem habe ich ein gutes Gefühl. Statt in einem Frauenteam werde ich in der Schweiz mit Männern trainieren. Und auch mein Privattrainer kann den Shuttle immer noch gut schlagen. Und ich geniesse es jetzt umso mehr, wieder näher bei meiner Familie zu sein.
In der Sport-RS in Magglingen
Im Moment bin ich in Magglingen in der Sport-RS. Ich hätte früher nie gedacht, dass ich einmal ins Militär gehen würde. Doch als mich der Chef der Sport-RS, Franz Fischer, fragte, ob ich Lust darauf habe, dachte ich: warum nicht? Jetzt sind die ersten fünf Wochen Militärausbildung vorbei, der nächste Block ist im April und dauert dann 13 Wochen. Neben den Militärübungen haben wir während der RS in Magglingen auch Zeit zum Trainieren. Sportler können deshalb sehr von der RS profitieren.
Die RS ist eine gute Erfahrung für mich. Hier lerne ich Selbstdisziplin, das tut mir gut. Die grösste Umstellung in ist für mich das Aufstehen morgens um halb sechs Uhr. Das habe ich in meinem Leben noch nie gemacht. Wenn man so viel trainiert, braucht man viel Erholung. Hier habe ich höchstens sechs Stunden Schlaf. Und: Der schwere Rucksack ist auch gewöhnungsbedürftig. Aber eine gute Kraftübung. Es macht Spass, die RS mit anderen Sportlern durchzustehen. Ich bin ja nicht die einzige Frau, mit Radfahrerin Andrea Wolfer habe ich eine lässige Kollegin. Wir haben es sehr lustig zusammen. Und was auch riesigen Spass macht: Schiessen. Wer hätte das gedacht! Vor der RS hatte ich so meine Zweifel, ob ich das kann.

Bis zum nächsten RS-Ausbildungsblock bleibe ich nun in Magglingen. Fürs Badminton-Training fahre ich nach Bern. Das ist – fast – optimal. London 2012 ist mein grosses Ziel. Im Moment bin ich auf gutem Weg. Als 33igste der Weltrangliste stehen meine Chancen gut, die Qualifikation zu schaffen. Vor Peking war ich noch die Nummer 60. Ausserdem werden meine Leistungen immer stabiler. Aber ich will nicht vorlaut sein, was die Zukunft angeht. Meine momentane Verletzung, ich habe den Wadenmuskel angerissen, hat mir wieder einmal gezeigt, wie wenig es braucht. Wäre es die Achillessehne gewesen, wäre meine Karriere beendet. Nun werde ich im Januar wieder die ersten Turniere bestreiten.
Ziel London 2012
Ich freue mich sehr auf London. Wobei es eigentlich keine Rolle spielt, wo nächsten Olympischen Spiele stattfinden. Denn was die Chinesen in Peking 2008 boten, ist nicht zu übertreffen. Ich hatte riesiges Glück, dass ich dort dabei sein durfte. Peking war eines der besten Erlebnisse meiner Karriere. Im ersten Spiel spielte ich super, das zweite habe ich voll vergeigt. Ich war so extrem angespannt und konnte das Spiel nicht so führen, wie ich wollte. Vor lauter Anspannung konnte ich die Olympischen Spiele gar nicht richtig geniessen. Ich merkte erst ein halbes Jahr später, was ich eigentlich erreicht hatte: An den Olympischen Spielen teilzunehmen. Wenn ich es noch einmal schaffe, mich zu qualifizieren, werde ich es mehr schätzen. Und hoffentlich mehr geniessen.
Ob mir die Erfahrungen, die ich in Peking sammeln konnte, in London helfen werden, weiss ich nicht. Ich weiss jedoch nun, was mich vor den Olympischen Spielen erwarten wird: Ein sehr hartes Jahr. Vor einem so wichtigen Anlass ist man ein anderer Mensch. Mental voll unter Stress. Darauf werde ich mich jetzt einstellen können. Ich bin gespannt, wie weit ich es noch bringe in meiner Karriere. Bisher ging es stetig aufwärts. Ob es so weitergeht, weiss ich nicht. Denn die Top 10 sind für Europäer fast unerreichbar. (Aufgezeichnet von Manuela Ryter)
Jeanine Cicognini (24) ist die beste Badminton-Spielerin der Schweiz. Nach neun Jahren im Ausland ist sie vor kurzem in die Schweiz zurückgekehrt. In Magglingen, wo sie zurzeit die Sport-RS absolviert, wird sie sich für London 2012 vorbereiten.