Ich bin in Olympia, der Geburtsstätte der Olympischen Bewegung, und zwar als Teilnehmerin der 50. Internationalen Tagung für junge Teilnehmer der International Olympic Academy. Zusammen mit Jérôme Rochat und Daniela Schäfer aus Davos vertrete ich hier die Schweiz. Insgesamt sind 183 Gäste aus 93 Nationen an die Tagung gereist. Während zwei Wochen werden wir hier über das diesjährige Schwerpunktthema «The Olympic Movement as a platform for Peace» diskutieren.

Wie immer erklingt auch an diesem Morgen pünktlich um sieben Uhr die olympische Hymne über dem friedlich schlafenden Campus. Min, meine Zimmernachbarin aus Thailand, ist schon auf. Sie wollte eigentlich gar nicht nach Olympia kommen und hat auch kein besonderes Interesse an der olympischen Bewegung, wie sie mir gleich bei Zimmerbezug mitteilte. Der Rektor ihrer Universität in Bangkok, an der sie Vorlesungen zum Thema Ernährung hält, hat sie jedoch ausgewählt, um an der Tagung teilzunehmen und eine Absage wäre gemäss thailändischen Sitten nicht in Frage gekommen.
Mins grösste Sorge ist, dass in der Abgeschiedenheit Olympias, im Vergleich zu Bangkok, nichts los ist und sie sich zu Tode langweilen wird. Sie lässt sich auch nicht vom Gegenteil überzeugen, als ich sie auf das dichtgedrängte Programm der Tagung hinweise. Mins Pessimismus macht mich betroffen. Habe ich mich doch schon seit Monaten auf diese zwei Wochen in Olympia gefreut! Ich rate ihr, das Beste aus der Situation zu machen, zumal sie jetzt hier ist und sowieso nicht weg kann. Sie ist eher skeptisch und zählt fortan jeden Abend die Tage bis zur Heimreise.
Wie an einer Tagung der UNO-Vollversammlung
Beim Frühstück unterhalte ich mich ausgiebig mit Africah von den United States Virgin Islands, die, wie ich erfahre, als nicht inkorporiertes Territorium der USA ihr eigenes Nationales Olympisches Komitee haben. Dann drängt die Zeit plötzlich. Um 8.30 Uhr beginnt nämlich die erste Vorlesung. Heute zum Thema «The potential of sports towards peace and development of mankind».
Referieren wird Wilfried Lemke. Er ist Deutscher und arbeitet seit zwei Jahren als «Special Adviser to the United Nations Secretary-General on Sport for Development and Peace». Auf diese Vorlesung habe ich mich seit Bekanntgabe des Programms am meisten gefreut und ich bin gespannt, was der Mann, der direkt dem UNO Generalsekretär Ban Ki Moon untersteht, zu sagen hat.
Währenddem sich das Auditorium langsam füllt, unterhalte ich mich noch mit meiner Banknachbarin. Sie kommt aus den Malediven, ist eine ehemalige Leichtathletin über 200 m und hat einmal an Olympischen Spielen teilgenommen. Diese Disziplin zu trainieren sei alles andere als einfach im Inselstaat Malediven, erzählt sie. Denn im ganzen Land gebe es keine einzige Tartanbahn. Heute arbeitet sie als Trainerin.
Ich werfe einen Blick in den gefüllten Hörsaal. Die drei Simultanübersetzerinnen sitzen auch schon in ihren Kabinen. Das Bild gleicht ein bisschen dem einer Tagung der UNO-Vollversammlung. Dann entdecke ich plötzlich Min in einer der hintersten Reihen des Hörsaals. Sie sieht nicht besonders interessiert aus. Wenigstens ist ihr Englisch gut genug, um den Referaten folgen zu können. Dies ist leider nicht bei allen der Fall.

Sport als Friedensinstrument
Lemkes Referat ist sehr eindrücklich und persönlich. Er ist ein Macher – ganz im Gegenteil, wie ich das von einem UN Special Adviser erwartet habe – und erzählt aus seinem Arbeitsalltag, insbesondere darüber, wie Sport als Instrument zur Erreichung der Millenium-Entwicklungsziele eingesetzt wird. Einer Teilnehmerin aus Zimbabwe, welche sich über mangelnde Sportinfrastruktur in ihrem Land beklagt, rät er unter anderem, sich mit bestehenden Institutionen im Land wie etwa der FIFA oder der Deutschen Botschaft in Verbindung zu setzen und um materielle Unterstützung für konkrete kleinere Projekte zu bitten.
Die Vorlesung und die anschliessende Fragerunde geht viel zu schnell zu Ende. Auch die zweite Vorlesung zum Thema Demokratisierung im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), die von einem Mitglied des IOC gehalten wird, ist sehr selbstkritisch und provoziert viele Fragen.
Die Olympische Bewegung als Plattform für den Frieden
Dann ist es Zeit für die Diskussionsgruppen. In Kleingruppen diskutieren wir täglich zwei Stunden unsere Fragen und Gedanken zum diesjährigen Thema Olympische Bewegung als Plattform für den Frieden. Am Ende der Tagung werden wir unsere Antworten im Plenum präsentieren und einen zweiseitigen Gruppenbericht abgeben.
Ich bin einer der beiden französischsprachigen Gruppen zugeteilt. In meiner Gruppe sind unter anderem Aurélie, eine Judokämpferin aus Frankreich, Vatche, ein ehemaliger Rennradfahrer aus dem Libanon und Marc, ein Exilschweizer, der in Costa Rica das Nationale Olympische Komitee aufbaut. Die Diskussionen sind zum Teil sehr anspruchsvoll. Die Gruppendynamik ist jedoch super und jeder beteiligt sich auf konstruktive Art und Weise. Ab und zu kommt es zwar zu kleinen Missverständnissen aufgrund sprachlicher Barrieren – etwa ein Drittel unserer Gruppenteilnehmer sind nicht französischer Muttersprache, darunter auch ich – die Muttersprachler helfen uns jedoch, ganz im Sinne des olympischen Geistes, immer wieder aus.
Tanz-Atelier gegen Siesta
Um 13 Uhr gibt es endlich Mittagessen. Die Küche ist durch und durch griechisch. Die Esszeiten sind eine ideale Gelegenheit, um mit anderen Teilnehmern ins Gespräch zu kommen. Heute sitze ich mit Kim aus Norwegen, Isabelle aus Uruguay und Regina aus den USA an einem Tisch und wir unterhalten uns, inspiriert von den Vorlesungen am Morgen, über internationale Politik. Das Cafeteria-Personal muss uns fast aus der Kantine rauswerfen, so vertieft sind wir, das interkontinentale Mikrogrüppchen, in unsere Diskussion.
Am Nachmittag hat man jeweils die Möglichkeit, ein Tanz- oder Kunst-Atelier zu besuchen. Viele Teilnehmer nützen die drei freien Stunden jedoch, um eine Siesta zu machen, denn die mediterranen Temperaturen machen sich bemerkbar und mit fortgeschrittener Tagung auch das Schlaf-Manko. Zudem soll die Energie für die – um einiges kühleren - nächtlichen Ausflüge in die Diskothek Zorbas gespart werden.
Ich habe das Tanzatelier etliche Male besucht und bin jetzt Meisterin des russischen und italienischen Volkstanzes. Heute wähle jedoch auch ich die Version Siesta, denn am Abend stehen noch ein Leichtathletik-Wettkampf, an dem ich als Langstreckenläuferin (vier Runden auf der Tartanbahn) teilnehmen werde, und ein «Social Evening», an.
Olympische Atmosphäre am Leichtathletik-Wettkampf
Min ist nicht zu Hause. Sie weckt mich jedoch kurz vor Beginn des Leichtathletik-Meetings und präsentiert mir, zu meiner grossen Überraschung, mit viel Enthusiasmus ihre selbstgebastelten Cheerleading-Gruppenrequisiten aus dem Kunstatelier für das Leichtathletik-Meeting. Wenn da nicht der Olympische Geist am Werk war!
Der Leichtathletik-Wettkampf ist neben der Fackelstafette und dem Olympic Day Run der Höhepunkt in sportlicher Hinsicht. Frei nach dem olympischen Motto: «Mitmachen ist alles», messen wir uns gruppenweise in den Disziplinen Sprint, Langstreckenlauf, Stafette, Weitsprung, Ballwerfen und Armdrücken. Die Koordinatoren der Tagung wirken dabei, in weisse Leinentücher gehüllt und mit einem Olivenzweig bekränzt, als Schiedsrichter. Die Atmosphäre ist sehr olympisch! Beim Langstreckenlauf habe ich keine Chance gegen meine Gegnerinnen, aber an letzter Stelle bin ich auch nicht. Da ist nämlich noch Emma aus Schweden, eine Gewichtheberin, welche mit einem Schild «participating» als Letzte ins Ziel einläuft. Der Knüller ist dann die Disziplin Armdrücken. Min, eher von korpulenter Statur, nimmt hier teil. Sie wird jedoch schnell von einer Slowenin ausgestochen.
Sprachbarrieren trotz olympischem Geist
Kurz vor dem Abendessen treffe ich dann endlich wieder einmal auf Megan. Sie arbeitet beim Australischen Olympischen Komitee. Wir haben uns am ersten Tag im Hotel in Athen kennengelernt und auf Anhieb gut verstanden. Wo 200 fremde Leute während zwei Wochen aufeinander treffen, ist es nett, so etwas wie eine Bezugsperson zu haben. Wir wollten jedoch die zwei Wochen ausnutzen und so viele Leute wie möglich kennenlernen. Es bildeten sich jedoch unweigerlich Grüppchen unter den Teilnehmern. Dies vor allem entlang den Sprachen. Leider vermag es auch der olympische Geist nur beschränkt, Sprachbarrieren zu beheben.
Für den Abend verabreden Megan und ich uns für den Social Evening. Über die ganzen zwei Wochen hinweg fanden deren vier statt. Ein besserer Name für diese Attraktion wäre wahrscheinlich der Name «Country Presentation-Night» gewesen. Der Renner waren dabei Volkstänze und Quize. Und hier überrascht mich Min erneut. Ich habe zwar schon auf dem Programm des Social Evenings gesehen, dass heute Thailand an der Reihe war, ich konnte mir jedoch beim besten Willen nicht vorstellen, dass Min tatsächlich vor 200 Leute steht und etwas präsentiert. Und dann steht sie plötzlich da und zeigt uns zusammen mit ihrem Kollegen einen thailändischen Tanz!
Die Präsentation der Schweiz, welche Jérôme und ich vorbereitet hatten, fand übrigens sehr grossen Anklang. Wir wurden fortan praktisch nur noch mit «Hi Switzerland, how are you?» begrüsst. So oder so, dank diesen Länderpräsentationen kannte man eher die Nationalität eines Teilnehmers als seinen Namen.
Epilog
Für die Abschlusszeremonie mit der Diplomübergabe hat sich Min übrigens richtig hübsch gemacht und sich dann sogar noch zusammen mit dem Präsidenten der Akademie ablichten lassen. Ich bin zudem jederzeit nach Bangkok eingeladen, wo, in Mins Wortlaut, «etwas mehr los ist als in Olympia». Dass in Olympia aber nichts los ist, glaubt sie nach zwei Wochen IOA Tagung selber nicht mehr!
Anna Blattmann ist Mitarbeiterin bei Swiss Olympic. Sie besuchte vom 16. bis 30. Juni die 50. Internationale Tagung für junge Teilnehmer der International Olympic Academy.
Die International Olympic Academy (IOA) ist ein interdisziplinäres akademisches Zentrum in Olympia. Sie hat das Ziel, den Olympismus zu fördern und die Idee von Baron Pierre de Coubertin, dem Gründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, in der Welt zu verbreiten. Die Akademie wurde 1961 unter dem Patronat des IOC ins Leben gerufen und wirkt seither auf einem oasenartig angelegten Campus, nur einige hundert Meter vom Antiken Olympia entfernt. Das Gelände bietet Unterkunft für bis zu 250 Personen, enthält diverse Sportanlagen, ein Auditorium, Konferenzzimmer, eine Bibliothek und eine Cafeteria. Zur Hauptaktivität der IOA, neben diversen Ausbildungsangeboten und Tagungen, gehört die jährliche Durchführung der «International Session for Young Participants». Während zwei Wochen, meistens Mitte Juni, werden bis zu 200 junge Erwachsene aus der ganzen Welt nach Olympia eingeladen, um gemeinsam den olympischen Geist zu leben, über Olympismus zu philosophieren und das olympische Ideal in ihren Heimatländern zu verbreiten.