Seit sieben Jahren setzt sich die Swiss Olympic Athletes Commission (SOAC) für die Anliegen der Athleten ein. Minigolfer Roger Cadosch und Skiakrobat Thomas Lambert, beide Mitglied des Exekutivrats von Swiss Olympic, erzählen im Interview über die ersten Erfolge der SOAC und die Ziele der Athletenlobby.

Ski-Freestyle-Athlet Thomas Lambert bei seinem Sprung an den Olympischen Spielen in Vancouver
Roger Cadosch und Thomas Lambert, die Athletes Commission setzt sich für die Anliegen der Athleten ein. Werden diese in der Sportwelt nicht genügend wahrgenommen?
Roger Cadosch: Nein, es fehlt eine starke Lobby, die sich für die Athleten einsetzt. Dies soll sich dank der Athletenkommission ändern.
Weshalb brauchen die Athleten eine eigene Lobby?
Thomas Lambert: Weil ein Funktionär nicht die gleiche Optik hat wie ein Athlet. Beispiel: Swiss Olympic will an den Olympischen Spielen möglichst viele Medaillen holen. Die Verbände und die Athleten haben zum Teil jedoch eine unterschiedliche Vorstellung davon, wie man dieses Ziel erreicht. Wir versuchen, wenn es aus unserer Sicht Probleme gibt, Einfluss zu nehmen, Gespräche zu suchen und auf unsere Position aufmerksam zu machen. Die Athletenkommission soll es ermöglichen, dass auch die Athleten mitreden und den Sport weiterentwickeln können.
Welches sind eure Hauptanliegen?
R.C.: Wir setzen uns für die – aus Sicht der Athleten – klassischen Themen ein: Finanzen, Selektionen, Doping.
Können Sie ein Beispiel nennen?
R.C.: Beim Thema Doping geht es in erster Linie um die Pflichten, die den Athleten auferlegt werden, beispielsweise um die Meldepflichten. Zum Thema Finanzen: Die Verbände wollen ihre Sportart fördern und zwar nicht nur im Spitzensport, sondern auch im Breitensport, um die Mitgliederzahl zu steigern. Für uns ist klar: Ohne Breitensport keine Spitze, aber bei der Verteilung der Gelder ist der Breitensport unsere Konkurrenz.
Dann geht es in erster Linie darum, bei der Verteilung der Gelder mitzureden?
R.C.: Nicht nur: einerseits geht es darum, dass überhaupt genügend Geld vorhanden ist, da sind Swiss Olympic und die Verbände ganz klar gefordert. Andererseits geht es auch um dessen Verteilung, etwa innerhalb der Alterskategorien oder zwischen olympischen und nicht-olympischen Sportarten. In meinem Sport kann man über eine individuelle Förderung nicht einmal nachdenken. Dies ist ein politischer Entscheid, der die Einstufungskriterien bestimmt.
Stehen Sie als Minigolfer für die wenig beachteten Sportarten ein?
R.C.: Nein, in der Athletenkommission bin ich nicht Lobbyist des Minigolfsports, sondern setze mich für alle Athleten ein. Wir können nicht für eine spezifische Sportart einen Aspekt durchsetzen – da muss der Athlet zum Verband gehen. Bei den klassischen Themen sind die Interessen jedoch ähnlich.
Ist es überhaupt möglich, die Interessen aller Athleten zu vertreten? Sie sind ja eine sehr heterogene Gruppe.
T.L.: Die acht Vorstands-Mitglieder kommen aus ganz verschiedenen Sportarten. Das macht es uns möglich, die Interessen vieler Athleten wahrzunehmen. Aber es ist sicher schwierig, aus einer so heterogenen Gruppe eine starke Lobby aufzubauen und zu festigen.
Wie fühlen Sie den Puls der Athleten?
R.C.: Wir sind an vielen Anlässen präsent und fühlen den Puls am Athletenparlament (siehe Kasten)– auch wenn dort noch nie ein Antrag gestellt wurde und der Anlass noch nicht sehr dynamisch ist. Die Athleten haben auch die Möglichkeit, sich mit ihren Problemen direkt an uns zu wenden. Dies wird leider noch zu wenig genutzt.
T.L.: Als Athlet bekomme ich an Wettkämpfen und Sportanlässen sehr viel mit.
Auch an Olympia?
T.L.: Ja, in Vancouver sorgte etwa die 48-Stunden-Regel für Diskussionen. Die Kommunikation zu dieser neuen Regel hat nicht in allen Fällen wie gewünscht funktioniert. Die Athletes Commission wird diesbezüglich das Gespräch mit den Verantwortlichen von Swiss Olympic suchen.
Nehmen euch die Athleten überhaupt wahr?
T.L.: Noch zu wenig, das wollen wir aber ändern. Heute wissen viele Athleten gar nicht, dass es uns gibt. Dabei möchten wir eine Vermittlerrolle übernehmen und eine Anlaufstelle für die Athleten sein, damit sie direkt mit ihren Problemen und Anliegen zu uns kommen können.

Minigolf-Spitzensportler und Rechtsanwalt Roger Cadosch setzt sich seit fünf Jahren für die Athleten ein
Sie wurden im Dezember vom Sportparlament in den Exekutivrat (ER) gewählt – erstmals sind die Athleten damit im obersten Gremium von Swiss Olympic vertreten. Mit Thomas Lambert sitzt auch ein Athlet im Ausschuss Spitzensport (ASS). Welche Bedeutung hat diese Einbindung für die Athleten?
T.L.: Sie ist sehr wichtig und einer unserer grössten Erfolge. Die Sitze ermöglichen uns direkt dort Einfluss zu nehmen und unsere Anliegen dort einzubringen, wo wichtige Sachen vorbereitet (ASS) und die Entscheide gefällt werden (ER).
Wie gross ist der Einfluss der SOAC?
T.L.: Nebst dem Einfluss im ER und ASS wird auch die Zusammenarbeit mit der Sportabteilung von Swiss Olympic immer enger. Wir werden heute in Prozesse und Projekte eingebunden, dürfen unsere Anliegen einbringen, werden um Inputs gebeten.
R.C.: Wir müssen schauen, wie wir uns zum richtigen Zeitpunkt einbringen können.
Das heisst?
T.L.: Auf die Selektionen für Vancouver beispielsweise hatten wir keinen Einfluss, und das ist auch richtig so. Auf die Selektionskriterien hätten wir jedoch gerne mehr Einfluss. Damit wir Athleten an Olympischen Spielen am Tag X unsere beste Leistung abrufen können, ist ein langer und intensiver Aufbauprozess notwendig. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass Swiss Olympic diesen bei der Definition der Richtlinien gezielter berücksichtigt.
In der Öffentlichkeit hört man kaum etwas von der SOAC.
R.C.: Wir sind eine Kommission von Swiss Olympic, die intern wirkt. Wir wollen konstruktive Gespräche führen und diese auch suchen, wir wollen unsere Anliegen eben gerade nicht über die Medien äussern. Von Aussen werden wir deshalb nicht wahrgenommen. Intern jedoch immer mehr.
Gibt es da einen Interessenskonflikt? Einerseits sind Sie eine Kommission von Swiss Olympic und andererseits verstehen Sie sich gegenüber Swiss Olympic als «David gegen Goliath».
R.C.: Immer weniger. Vor fünf Jahren wurden wir noch kaum wahrgenommen und ich hatte oft das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Heute hat man den Nutzen unserer Kommission erkannt. Dass neben Gian Gilli auch Bundesrat Ueli Maurer an unser nächstes Athletenparlament kommt, zeigt das Interesse für unsere Anliegen auf höchster Ebene.
Was brennt Ihnen momentan unter den Nägeln?
T.L.: Die Förderung junger, vielversprechender Athleten, die keine Junioren mehr sind und den Anschluss an die absolute Weltspitze noch nicht ganz geschafft haben. Sie werden von Swiss Olympic kaum gefördert – im Gegensatz zu den Jugendlichen, etwa im Bereich Labelschulen oder Swiss Olympic Talent Cards, oder den Top Athletes. Meines Erachtens ist aber der Zeitraum dazwischen einer der wichtigsten im Leben eines Athleten, in dem man ihn unterstützen müsste.
R.C.: Wir haben bisher erreicht, dass wir intern wahrgenommen werden. Nun wird es unsere Herausforderung, durch bessere Information bei den Athleten bekannter zu werden.
Die Swiss Olympic Athletes Commission besteht aus einem Vorstand mit Präsidentin und bis zu acht ehrenamtlichen Mitgliedern, die sich rund fünfmal pro Jahr treffen. Einmal jährlich findet das Athletenparlament statt, an dem die Athletenvertreter aller Sportarten zusammenkommen. Das nächste Athletenparlament findet am 26. April 2010 statt.
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