Vor einem Jahr gingen in Vancouver die Olympischen Winterspiele 2010 zu Ende. Didier Défago kehrte als Olympiasieger nach Hause. Der Skistar, der diese Saison wegen einer Knieverletzung ausgefallen ist, sagt im Interview, welche Bedeutung Olympia-Gold für ihn hat.
Didier Défago, vor einem Jahr kehrten Sie als Olympiasieger von Vancouver zurück. Welche Momente sind in Ihrer Erinnerung noch am präsentesten?
Sicher die Siegerehrung. Ich sah meinen Bruder – er war der einzige meiner Familie, der in Vancouver dabei sein konnte –, das waren sehr grosse Emotionen. Aber auch die anderen Feiern und Ehrungen werde ich nie vergessen. Etwa der Empfang am Flughafen in Zürich oder die grosse Feier, die meine Gemeinde Morgins für mich machte.

Bild: Keystone
22 Jahre lang musste die Schweiz an Olympischen Spielen auf Gold in der Abfahrt, der Königsdisziplin, warten. Und dann kamen Sie. Wie viel Zufall spielt mit, ob man eine Olympiamedaille gewinnt oder nicht?
Sicher ist: Es ist sehr knapp, an der Spitze sind alle Athleten sehr eng beieinander. In Vancouver hatte der Sechstplatzierte der Abfahrt nur vier Zehntel Rückstand auf mich. Etwas Glück braucht man da immer. Die Form muss im richtigen Moment stimmen. Man muss überzeugt sein, dass man alles richtig gemacht hat. Dass das Konditionstraining perfekt war und das Material optimal läuft. Es braucht nicht viel und alles kippt auf die andere Seite – Glück und Pech sind sehr nah beieinander.
Wie schnell kehrten Sie danach in den Alltag zurück?
Relativ schnell. Ich wollte mit diesem Schwung weiterfahren. Ich wollte deshalb den Olympiasieg so schnell wie möglich hinter mir lassen und nach vorne schauen und war voll auf die nächste Saison konzentriert. Ich dachte mir: Der Olympiatitel ist für immer, den kann ich auch später geniessen. Doch dann verletzte ich mich, die Saison war zu Ende, bevor sie angefangen hatte. Doch nicht zuletzt wegen der Verletzung wurde das vergangene Jahr sehr speziell: Ich hatte Zeit, mich an Vancouver zurückzuerinnern und den Sieg zu verarbeiten. Das war sicher positiv. Denn die besten Momente haben sich in meinem Gedächtnis eingraviert – in schwierigen Zeiten werden sie mir helfen, nach vorne zu schauen.
Welche Auswirkungen hat die Verletzung – ausgerechnet im Jahr nach Olympia – auf Ihre Karriere?
Ich konnte den Schwung und die Form von Olympia nicht mitnehmen und die Medaille deshalb aus sportlicher Sicht nicht nutzen. Das war sehr schade. Aber: lieber nach Olympia als vorher. Ich habe an der Verletzung sehr schnell auch eine positive Seite gesehen: Ich konnte mich erholen und die Zeit mit meiner Familie geniessen – ich war an Weihnachten das erste Mal im Winter am Meer! Und ich konnte den Olympiasieg verdauen. Es wird aber sicher schwierig, wieder in den Rennrhythmus zu kommen.
Wie geht es Ihnen heute?
Sehr gut! Im April werde ich wieder auf den Ski stehen. Ich freue mich sehr darauf. Konditionell bin ich fit und auch mein Knie hat wieder mehr Kraft. Im Moment ist wirklich alles positiv.

Bild: Keystone
Was bedeutet Ihnen die Goldmedaille heute?
Viel! Die Medaille war ein toller Lohn für mich. Für die Zeit und die Kraft, die ich in den Sport investiert habe. Aber sie war auch für mein Umfeld bedeutend. Für meine Eltern, die mir diesen Weg ermöglicht haben. Für meine Frau und meine zwei Kinder, die ihr Leben rund um meine Karriere planen, damit ich optimal trainieren kann. Für meine Trainer, die das ganze Jahr für uns arbeiten und ihre Stunden nicht zählen, die sie aufwenden, um uns perfekte Bedingungen bieten zu können. Und nicht zuletzt ist sie auch ein Lohn für meine Sponsoren, die mich seit meiner Jugend unterstützt haben – finanziell, aber auch moralisch.
Hat sich Ihr Leben nach Olympia-Gold verändert?
Ja, ein wenig. Vor allem seit meiner Verletzung. Viele haben diese genutzt, um mich zu engagieren, da ich sportlich nicht viel machen konnte. Es kamen sehr viele Anfragen und ich nahm an vielen Anlässen teil. Mein Manager hatte aber alles gut unter Kontrolle. Ich machte das gerne für meine Sponsoren – schliesslich lebe ich von ihnen und Medienpräsenz ist wichtig für sie. Dass man als Sportler – und noch mehr als Olympiasieger – im Fokus der Medien steht, gehört zu meinem Job.
Die Medaille verhalf Ihnen zu noch mehr Bekanntheit und Anerkennung. Inwiefern spürten Sie das?
Die Leute erkannten mich besser. Publicity ist nicht das, was man sucht, wenn man Spitzensport macht, aber sie gehört dazu. Und für einen Skirennfahrer ist es schön, wenn man vom Skisport spricht. Das ist ja mein Ziel: Ich will, dass der Skisport wieder populärer wird, dass die junge Generation wieder Ski fährt. Ich persönlich ging sehr schnell zum Alltag zurück, ich schaute nach vorne. Für mein Umfeld war es schwieriger. Ich musste sogar unsere Telefonnummer wechseln, weil die Leute zuhause anriefen.
Spüren Sie auch von den anderen Athleten mehr Respekt?
Nein, da habe ich nicht viel gespürt. Unter den Athleten kennt man sich so gut, da hat sich nicht viel geändert.
Was bedeutete die Medaille in Sachen Sponsoring?
Meine Hauptsponsoren, Ochsner Sport und Rossignol, werden mich weiterhin unterstützen. Zusätzlich bin ich nur zwei neue Partnerschaften eingegangen. Ich könnte für hunderte Firmen Werbung machen, aber das bringt nichts. Denn jedem Sponsor muss ich auch eine gewisse Anzahl Tage zur Verfügung stehen. Und trainieren sollte ich daneben ja auch noch.

Bild: Keystone
Mit dem «Réserve du Champion Olympique» haben Sie einen eigenen Wein kreiert. Haben Sie weitere Anstrengungen unternommen, um die Olympiamedaille zu vermarkten?
Ich habe die Marke Didier Défago und eine Kleiderkollektion, zusammen mit Ochsner Sport, entworfen. Mit «Carbon 14», meinem Uhrensponsor, werde ich bald eine Limited Edition herausgeben. Und das mit dem Wein werden wir weiterziehen. Der Verkauf ist viel besser gelaufen als erwartet, der Weisswein war innerhalb von zwei Monaten ausverkauft. Mir ist es wichtig, mir für solche Aktionen Zeit zu nehmen und es richtig zu machen – dann laufen sie auch gut.
Wie schätzen Sie den finanziellen Wert einer Olympiamedaille ein? Konnten Sie Olympia-Gold zu Gold machen?
Die Olympiamedaille war meine erste Medaille an einem Grossanlass. Ich kann nicht sagen, ob sie sich auch finanziell ausgezahlt hat.
Wie blicken Sie auf Sotschi 2014?
Ich werde dabei sein! Sotschi ist mein letztes grosses Ziel. Diese Entscheidung habe ich schon vor Vancouver getroffen.
Eine letzte Frage: Bedeutet es Ihnen etwas, auf dem Walk of Fame vor dem Haus des Sports in Ittigen verewigt zu sein?
Davon wusste ich gar nichts! Aber ja, natürlich ist das schön. Abfahrtsolympiasieger zu sein – der erste seit 22 Jahren – ist schon sehr speziell. Und eine Ehrung, die bestehen bleibt, ist etwas sehr Schönes. In meinem Dorf etwa haben sie einen Stein aus Wengen mit einer Ehrung für den Olympiasieg in die Mitte des Dorfplatzes gestellt. Das ist nichts, was man brauchen kann, aber etwas, das bleibt. So geht man in die Geschichte ein. Und das ist sehr speziell.
Skirennfahrer Didier Défago holte in Vancouver 2010 Gold - das erste Abfahrtsgold an Olympia seit 22 Jahren! Insgesamt holten die Schweizer in Vancouver sechs Goldmedaillen und dreimal Bronze. Wo stehen die Olympiasieger ein Jahr danach? Was haben ihnen die Medaillen - neben Ruhm und Anerkennung - gebracht? Konnten sie dank dem Olympia-Exploit ihre Karrieren vergolden? Diesen Fragen werden wir in unserer Blog-Serie «Im Gespräch» nachgehen.
Den Film zu Didier Défagos Gold-Abfahrt finden Sie hier.