3. März 2010, martina.gasner

Welcome back!

Didier Défago war der Erste. Ich und mein Team ein bisschen nervös, aber eigentlich hatten wir zusammen mit den Verantwortlichen am Flughafen ja alles gut geplant. Die Zonen abgesperrt, die Sponsoren-Banner am richtigen Platz aufgehängt, Didiers Flug war pünktlich, seine Familie am Gate, um ihn abzuholen; seine Fans in der Ankunftshalle bereit, ebenso die Journalisten. Und ich. Wir warteten eine ganze Weile. Aber unserem Abfahrts-Olympiasieger gönnen wir ein paar ruhige Minuten vor dem Sturm.

Dann endlich kommt er. Die Goldmedaille hat er um den Hals, doch kaum ist er draussen, steckt er sie sich in die Hosentasche. Hallo? Das Ding ist das Objekt der Begierde, du kannst es doch nicht verstecken! Auf meine Bitte hin zieht er sie dann doch wieder an. Sie sei halt schwer, meint er. Die Fotografen danken ihm mit einem Blitzlichtgewitter. Ich begleite Défago durch die Mixed-Zone, Mikrofone sind rund um sein Gesicht, Kameralichter blenden, Fragen prasseln auf ihn ein. Schliesslich wollen die Journis alle noch mit ihrem Beitrag in die 6-Uhr-Nachrichten.

Mein Blick schweift während einer seiner Antworten einen Augenblick nach unten und bleibt an der Goldmedaille hängen. «Die ist ja riesig», schiesst es mir durch den Kopf, «wunderschön». Wow, da steckt eine grandiose Geschichte dahinter. Die Medaille verzaubert mich fast ein bisschen – doch dann konzentriere ich mich wieder auf meinen Job. Später werde ich von einigen Freunden die Bitte erhalten, von den Stars Autogramme zu holen, wenn ich doch schon so nahe an ihnen dran sein darf. Ich werde es jedoch jedes Mal vergessen. Ich denke in diesem Moment einfach nicht dran. Sorry!

Ich war nicht in Vancouver dabei. Aber Olympia gabs für mich trotzdem. Während den ganzen zwei Wochen beantworteten ich und mein Kollege zahlreiche Telefonanfragen und E-Mails: Wer wird Schweizer Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier? Wo kann man die schöne rote Suisse-Jacke kaufen? Warum ist Frauen-Skispringen nicht olympisch? Warum ist die Schweizer Fahne bei Olympia nicht quadratisch, sondern rechteckig? Wann sind die Leute in Vancouver wieder wach?

Und dann kamen natürlich auch noch die Fragen der Journis. Aus der Schweiz, Kanada, Deutschland, Frankreich, Norwegen… In den letzten zwei Wochen hat’s bei uns fast pausenlos geklingelt bzw. in meiner Hosentasche vibriert. Unterdessen bin ich schon so weit, dass ich bei der kleinsten Bewegung meine, das Handy vibriere in meiner Tasche, obwohl es in Wirklichkeit still ist. Naja, Olympia ist halt Ausnahmezustand. Und es hätte mich definitiv schlimmer treffen können.

Die Zeitverschiebung war für uns in der Schweiz fast optimal. Tagsüber konnten wir unseren Job machen, abends die Spiele live verfolgen. Oder eben in der Nacht – deshalb eben nur «fast» optimal, weil die Augenringe mit jedem Olympiatag grösser wurden und die Farben der Olympischen Ringe anzunehmen drohten. Aber den Schlafmangel kann man ja jetzt wieder aufholen. Zwei, drei Wochen Ausnahmezustand geht schon!

Irgendwann kündigten die ersten erfolgreichen Olympioniken ihre Ankunft in der Schweiz an, die Medien wollten über Ankunftszeit und -ort der Medaillengewinner informiert werden. Doch eigentlich war der Flugplan immer erst definitiv, wenn ein Athlet tatsächlich im Flieger sass. Flexibilität war gefragt. Ein Team von uns sollte immer am Flughafen bereit sein.

So auch für Olivia Nobs in Genf. Wir waren bereit, eine Handvoll Journalisten auch. Das Flugzeug sollte in wenigen Minuten landen, perfektes Timing. Dann ein Anruf von einem Journalisten. Ob ich wisse, dass Olivia wegen schlechten Wetters in Toronto ihren Anschlussflug verpasst hatte und erst morgen komme… NEIN! Die anwesenden Journalisten nahmen es zum Glück gelassen. Und ich hatte immerhin am Flughafen Genf einen Kaffee getrunken, da komm ich ja auch nicht alle Tage vorbei. Und manchmal sind eben die Journalisten doch ein bisschen schneller als wir, die machen eben auch einen guten Job!

Von Genf gings direkt nach Kloten, Carlo Janka soll ankommen. Hoffentlich hat wenigstens er seine Maschine gekriegt! Er hat. Und auch seine Fans sind super! Ich bekomme schon Gänsehaut, wenn sich die Türe öffnet und der Jubelsturm losgeht, wie muss sich das erst für den Athleten anfühlen? Carlo macht seinen Job wie schon Didier super gut und nimmt sich für Medien und auch die Fans viel Zeit. Ich frage mich, ob man das Ganze wohl geniessen kann, wenn man doch eigentlich nach einem langen Flug nur müde ist. Aber die Athleten scheinen happy zu sein. Das ist alles, was zählt.

Der Freitag sollte der anstrengendste Tag werden. Simon Ammann und Mike Schmid, und mit ihnen drei Goldmedaillen im Gepäck, landen in Zürich. Ich sitze im Zug zum Flughafen. 5.33 Uhr. Dann erneut ein Anruf eines Journalisten. Zuerst fragt er netterweise, ob er mich geweckt hätte… Haha, nein. Doch dann fragt er, ob ich wisse, dass der Flug zwei Stunden Verspätung habe… NEIN! Wieder war ein Journi schneller als wir (gute Arbeit!).

Zwei Stunden sind eigentlich kein Weltuntergang. Aber um 10 Uhr ist die Medienkonferenz angesagt, die überall live übertragen werden soll. Naja, die Verspätung ist immerhin nicht meine Schuld, höhere Gewalt sozusagen. Bauchweh macht mir bloss, dass der Raum, in welcher die Medienkonferenz stattfindet, nur bis am Mittag für uns frei ist und jetzt das ganze Spektakel kaum vor 12 Uhr beginnen wird. Nach ein paar Gesprächen ist das Problem jedoch gelöst. Uff…

Ich wäre gerne in der Ankunftshalle, als Simon und Mike zu den Fans heraustreten, aber ich muss mir das Ganze in einem ruhigen Raum live über Web-TV anschauen, weil ich kein Wort verstehe, wenn mein geliebtes Handy wieder in meiner Hosentasche vibriert. Wow, da ist die Hölle los. Ich freue mich, bis sie bei mir drüben ankommen. Als es soweit ist, werden sie mit Mikrofonen ausgerüstet, verkabelt, gebrieft und dann geht’s auch schon raus vor die Kameras und Fotolinsen. Es läuft gut.

Nachmittags um 15 Uhr bin ich auf dem Heimweg und habe das Gefühl, es sei schon 22 Uhr. Mein Handy meldet mir 17 Anrufe in Abwesenheit. Da bin ich wohl noch eine Weile mit Zurückrufen beschäftigt. Ich bin echt kaputt nach diesem Tag. Aber hey, lieber sportliche Erfolge und dafür solch tolle Empfänge organisieren, als keine Medaillen und die entsprechend viel unangenehmeren Fragen beantworten müssen.

Die Fans faszinieren mich fast genauso wie die Sportler. Sie reisen teilweise von weit her viele Stunden an, um ihrem Helden bereits am Flughafen einen tollen Empfang zu bieten. Sie nehmen sich bei der Arbeit frei, basteln Transparente, Plakate und machen einen Höllen-Lärm. Ich gebe zu, schon nach zehn Minuten Treichelngeläut und Tröten und Klatschen und Johlen hat man einen «sturmen» Kopf. Aber ich finde die Fans trotzdem spitze, ohne sie wären die ganzen Empfänge am Flughafen ziemlich trostlos. Danke, dass ihr alle vorbeigekommen seid! Ihr verdient eigentlich auch eine Medaille…

Gestern kamen die letzten unserer Olympioniken an. Darunter Dario Cologna, der von beinahe dem gesamten Münstertal empfangen wurde, wow! Auch dieser Empfang lief nach Plan. Doch wir haben am und um den Flughafen eine ganze Schar kleiner Engel gebraucht, damit alles so reibungslos klappte. An dieser Stelle sei ihnen allen herzlich gedankt.
Ich würde diesen Job 2012 gerne wieder machen. Obwohl… Vielleicht wäre ich noch lieber im Team vor Ort mit dabei. Dort soll ja auch Ausnahmezustand herrschen!

Martina Gasner ist stellvertretende Medienchefin bei Swiss Olympic und hat die Empfänge der Heimkehrer mitorganisiert. 

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