Mit vollstem Vertrauen in seinen Guide springt Lukas Hendry über sechs Meter ins Nichts – er ist einer der weltweit besten blinden Weitspringer. Ohne Freiwillige, die ihm in Training und Wettkampf die Augen ersetzen, wäre sein Erfolg undenkbar.
Lukas Hendry steht kerzengerade auf der Weitsprungbahn. Er hebt die Arme nach vorne. Mit leisen Aufforderungen zupft sein Guide Roman Thomet an ihm herum. Er richtet ihm die Füsse aus, die Hüfte, die Schultern, den Kopf. Jede Körperachse muss exakt die richtige Position haben, damit der Athlet, wenn er dann in voller Geschwindigkeit losläuft, auch in die exakt richtige Richtung rennt. Und damit er nach dem Absprung auch wirklich im Sand landet.

Während Hendry unbeweglich in dieser Position verharrt, rennt sein Guide zur Weitsprunggrube, stellt sich in die Mitte der Bahn und beginnt mit seinem akustischen Signal: «Ta-Ta-Ta», ruft er laut und klatscht den Takt dazu. Hendry beugt sich vor, geht ein wenig in die Knie, in Startposition. Und läuft los. Volle Geschwindigkeit. Genau acht Doppelschritte. Dann springt er ab. Ins Nichts. In vollem Vertrauen in den Guide, der ihm in diesem Augenblick die Augen ersetzt.
Schneller Aufstieg
Hendry ist blind. Wegen einer angeborenen Krankheit sah der heute 32-Jährige aus Düdingen im Kanton Freiburg schon immer schlecht. Vor neun Jahren dann kam das, wovor er sich immer gefürchtet hatte: Seine Sicht wurde schlechter, bis er schliesslich gar nichts mehr sah. Er musste lernen, am Stock zu gehen. Und mit den Fingern zu lesen. In der Eingliederungsstelle für Blinde in Basel fand er durch Zufall wieder zur Leichtathletik zurück. «Ich überlegte mir gar nicht, ob Leichtathletik für einen Blinden überhaupt möglich war», sagt er. Er versuchte es einfach.
Hendry wurde bald vom Materialchef der Leichtathletik-Nationalmannschaft der Behinderten (SLVB) entdeckt und trainierte fortan im TSV Düdingen mit sehenden Leichtathleten zusammen. «Wir hatten dort keine Ahnung, wie ein Blinder trainieren musste, wir improvisierten einfach – anfangs ohne Guide», erzählt Hendry. Beim ersten Wettkampf qualifizierte sich Hendry 2003 für die Europameisterschaften. Und kurz darauf für die Paralympics in Athen 2004.
«Es ging alles unglaublich schnell», sagt Hendry. Seine Leidenschaft war gezündet. Und seine Trainings wurden immer professioneller. Sein Schweizerrekord beträgt 6,01 Meter – der Weltrekord in seiner Kategorie liegt bei 6,73 Meter. Nebst Weitsprung startet er auch in 100m- und 200m-Sprint. Heute trainiert der gelernte Primarlehrer und zweifache Familienvater mindestens viermal wöchentlich – daneben arbeitet er Vollzeit als Pastoralassistent in Ausbildung.
Vollstes Vertrauen in seine Guides
Es muss alles passen, damit Hendry auf so hohem Niveau springen kann. Nicht nur technisch und athletisch. Während sich sehende Athleten beim Absprung visuell orientieren, muss sich ein blinder Weitspringer auf seine Schrittfolge und sein Körpergefühl verlassen. Und auf seinen Guide.
Stärker als alle anderen Sportler ist Hendry auf die Hilfe anderer angewiesen. In jedem Training und an jedem Wettkampf. Hendry hat drei Guides, die seinen Körper vor jedem Loslaufen in die richtige Position bringen. Die ihm akustisch die Richtung weisen. Die Stopp rufen, bevor er von der Bahn gerät. Und die auf der Laufbahn schnell genug neben ihm rennen, damit sie auch beim 100m-Sprint nicht von ihm abweichen – Guide und Athlet sind bei allen Läufen mit einem kurzen Band miteinander verbunden. Die Guides sind es aber auch, welche die blinden Athleten an Wettkämpfen miteinander in Kontakt bringen. Die ihnen erzählen und beschreiben, was rund um sie läuft.

«Die wichtigste Qualität eines Guides ist es, dass ich ihm vertrauen kann», sagt Hendry. Der Guide hat eine grosse Verantwortung. Zögert er, kommt der Athlet sofort ins Stocken. Beim kleinsten Fehler wird es gefährlich. So wie vergangenes Jahr: Nach nur drei Monaten im Einsatz passte Thomet beim Training in der Halle eine Sekunde lang nicht auf – und schon sprang Hendry statt auf die Matte mit voller Wucht in eine Wand hinein, wie der Guide erzählt: «Er sprang in vollstem Vertrauen ab und merkte auch während des Fluges nicht, dass er nicht dort landen würde, wo er es erwartete.» Hendry – der zuerst meinte, er sei zu weit gesprungen - kam mit einem gebrochenen Fuss davon.
Das Vertrauen in den Guide habe er seither nicht verloren, sagt Hendry, «diese emotionale Hürde darf man gar nicht aufkommen lassen». Doch das brauche Mut. Sich hinzustellen und ins Schwarze loszurennen. Nur den Wind im Gesicht und den Takt des Guides im Ohr. Gerade anfangs Saison sei es immer schwierig, diesen Mut aufzubringen. Oder wenn er einen neuen Guide habe, «dann schlägt mein Herz schon etwas schneller». Um damit umgehen zu lernen, arbeitet Hendry mit der Sportpsychologin Romana Feldmann zusammen.
Freiwilligenarbeit aus Neugier
Die Guides machen diese Arbeit freiwillig. «Ich nahm diesen Job aus Neugier an», sagt Thomet, der in seiner Jugend selbst aktiver Leichtathlet war. Es fasziniere ihn, wie man einfach drauflos laufen könne, ohne etwas zu sehen, sagt der 23-Jährige, der in Bern Betriebswirtschaft studiert. Gerade Weitsprung sei für ihn selbst immer eine sehr visuelle Disziplin gewesen. Anfangs habe es ihn ganz schön herausgefordert zu lernen, worauf er achten musste. «Mit der Zeit spürt man es – es sind Kleinigkeiten, auf die es ankommt.»
Ein bis drei Trainings pro Woche steht Thomet seit über einem Jahr mit Hendry auf dem Platz. Dazu kommen die Wettkämpfe. «Es ist sehr anspruchsvoll, aber auch sehr interessant», sagt er. Auch er selbst lerne viel dazu. Etwa, dass es auch für einen Behinderten möglich ist, ein normales Leben zu führen. Dass die Freiheit auch für einen Blinden sehr gross ist. Dass das Leben trotz einschneidender Erlebnisse weitergeht. «Man geht dann einfach einen anderen Weg.» Diese Erfahrungen möchte er nicht missen, sagt Thomet.

Hendry bedeutet der Einsatz der freiwilligen Guides sehr viel: «Dank ihnen erhalte ich die Freiheit, Sport zu treiben und vom Alltag abschalten zu können.» Es sei zum Teil recht schwierig, passende Guides zu finden, sagt er. Da er jedoch Spitzensportler sei, könne er ihnen auch etwas bieten: Teil eines erfolgreichen Leistungssportteams zu sein. Grossanlässe wie Europa- und Weltmeisterschaften seien ein Teil seines Ansporns, bestätigt Thomet, und man kann seine Begeisterung spüren.
Zeigen ist einfacher als Beschreiben
Zum x-ten Mal nimmt Hendry Anlauf, setzt zum Sprung an, landet im Sand. Er ist zufrieden: 5,8 Meter – nicht schlecht für einen lockeren Trainingssprung. Es ist sein sehr ruhiges Training. Athlet, Trainer und Guide arbeiten sehr konzentriert, man diskutiert, hört einander zu, geht aufeinander ein. Trainiert wird am frühen Abend, bevor auf dem Platz viel los ist. So hat es nicht nur weniger Geräusche, die es dem Athleten erschweren, das akustische Signal zu hören, das ihm die Richtung weist; es hat auch weniger Sportler, die ihm in die Quere kommen könnten – unwissend, dass da ein Blinder trainiert.
Das Ziel dieser Saison: mehr Konstanz. Jede Bewegung, jeder Schritt, jeder Absprung muss sitzen. «Er muss volles Vertrauen haben, sonst kann er sein Potenzial nicht ausschöpfen», sagt Trainer Beat Bollinger. Das Trainieren eines Blinden stelle ihn immer wieder vor Herausforderungen, sagt er. «Der grösste Challenge ist es, meine Anweisungen gut zu vermitteln - bisher habe ich im Training mit Sehenden sehr viel vorgezeigt, das ist viel einfacher als eine Übung oder eine Korrektur mit Worten zu formulieren.»

Das nächste grosse Ziel sind die Paralympics in London 2012. Für Hendry wären es nach Athen und Peking bereits die dritten Spiele. «Die Paralympics sind sehr speziell – ich hatte schon als kleiner Bub von den Olympischen Spielen geträumt. Durch die Behinderung wurde dieser Traum plötzlich wieder wach.» Und es sieht gut aus, dass er sich auch dieses Mal qualifiziert – es wäre ein riesiger Erfolg. Nicht nur für Hendry, sondern für sein ganzes Team.

2011 ist das Jahr der Freiwilligen. Auch im Sport würde ohne Freiwillige nichts gehen. In dieser Serie zeigen wir, was Volunteers in Sportvereinen und an sportlichen Grossanlässen leisten. Und möchten uns damit bei ihnen bedanken.