3. November 2010, manuela.ryter

Team Cuche kämpfte mit Muskeln, Charme und Schlauheit

Statt auf eisigen Pisten kämpfte Skistar Didier Cuche am Sporthilfe Super10Kampf im ausverkauften Zürcher Hallenstadion als Gladiator gegen Ammann, Cologna, Kaeslin und Co. Ein langer Tag in der Arena.

Noch vor einer Woche stand Weltmeister Didier Cuche mit den besten Skirennfahrern der Welt als Favorit und Vorjahressieger am Start des ersten Weltcup-Rennens dieser Saison in Sölden. Jetzt sitzt er mit Eishockey-Star Patrick Fischer, Miss Schweiz Kerstin Cook und SonntagsBlick-Leser Arno Galmarini in einer Ecke des riesigen Hallenstadions und rüstet sich seit dem frühen Morgen im einzigen Super10Kampf-Training für die grosse Show am Abend. 12 000 Zuschauer werden die berühmten Gladiatoren im ausverkauften Hallenstadion frenetisch zum Riesenevent der Stiftung Schweizer Sporthilfe empfangen und ihre Teams bei den Spielen unter dem Motto «Hopp Schwiiz» zum Kämpfen anfeuern. Doch bis dahin steht den Gladiatoren noch ein langer Tag bevor.

Im sonst menschenleeren Stadion herrscht eine gute, ausgelassene Stimmung. Leichte Nervosität ist spürbar, wie am ersten Tag im Klassenlager. Spielabläufe einstudieren, ausprobieren, Aufgaben verteilen, Tricks und kleine Schummeleien ausdenken – Cuches frisch zusammen gewürfeltes Team ist aufgedreht und nimmt seine Sache ernst. Wenn auch immer mit einem Augenzwinkern. Sie seien das perfekte «Siegerteam», sagt Cuche schmunzelnd. «Wir haben Muskeln, wir haben Charme, wir sind schlau – wir haben alles, um den Super10Kampf zu gewinnen.»

Ein Bubentraum – auch für Superstars
Während draussen bestes Herbstwetter ist, kraxelt Cuche im Training neben Doppeldoppel-Olympiasieger Simon Amann, Olympiasieger Dario Cologna, Vize-Weltmeisterin Ariella Kaeslin, Radlegende Bruno Risi und Schwingerkönig Kilian Wenger in der Arena hochgespannte Netze hoch, rast im «Zorb», einem Gummiball, der aussieht wie eine viel zu gross geratene Qualle, in lebende Kegeln, baut mit seinem Team überdimensionierte Kartenhäuser und fängt als Willhelm Tells Bub mit einem Riesenapfel Tennisbälle, die seine Teamkollegen mit einer speziellen Steinschleuder-Armbrust auf ihn schiessen.

Nicht ganz ernst zu nehmende Spiele statt Konditions-, Technik- und Mentaltrainings: Heute Abend dürfen die Sportler vor laufender Kamera mit anderen Stars ihre Kräfte messen. Ein Bubentraum – auch für Skiheld Cuche? «Ja natürlich», sagt Cuche begeistert. Er sei schon als Kind fasziniert gewesen von solchen Spielen – auch wenn er als Romand nicht Super10Kampf geschaut habe, sondern die französische Sendung Interville. «Das war sehr lustig.»

Ehrgeizig, aber locker – «fast wie im Weltcup»
Es erfülle ihn mit Stolz, hier mitmachen zu dürfen, sagt Cuche: «Der Super10Kampf macht ganz einfach Spass!». Den Leuten werde eine tolle Show geboten, sie seien nah an den Sportlern und könnten gleichzeitig etwas für die Jugend tun. Er jedenfalls würde auch ohne Publikum kommen und genauso viel Spass haben, sagt Cuche – «und ich wäre genauso ehrgeizig.»

Wie im Weltcup also, auch wenn dort alles etwas ernster sei. «Ich bin nicht mehr so verbissen wie früher», sagt Cuche. Als junger Sportler wolle man sich und den Leuten beweisen, dass man Siegen könne. Heute gehe für ihn die Welt nicht unter, wenn es mal nicht klappe. Abgesehen davon habe er beim Super10Kampf auch schon Leute erlebt, «die nicht nur aus Spass teilnehmen und sich furchtbar ärgern, wenn jemand trickst». Er schmunzelt. Und heckt gleich darauf mit seinem Team Strategien aus, wie sie beim Fondue-Jass etwas schneller sein könnten.

Nahkampf mit der Kamera
Während sich nach dem Mittagessen die TV-Crew einrichtet und die Sporthilfe das Stadion dekoriert, sind die Athleten und Promis über die Spiele am fachsimpeln. Cuche lächelt immer wieder für ein Foto – mal für einen der 400 Volunteers, mal für einen Nachwuchsathleten. Die Vorfreude steigt: «Das wird lustig heute Abend», sagt Cuche und reibt sich die Hände.

Es geht jetzt schon lustig zu und her im Hallenstadion. Die Athleten sind übermütig. Leichtathlet Alexander Martinez übt Tanzschritte – für eine Showeinlage am Abend? Beachvolleyballspieler Sascha Heyer saust purzelnd die riesige Plastikrutsche hinunter, Cuche versucht ihn aufzufangen. Später plaudert er mit Ariella Kaeslin. Mit Bruno Risi fachsimpelt er über den Zorb. Patrick Fischer braust damit heran, rast voll in die Kamera. Ein Déjà-vu, alle lachen. Und Simon Ammann – der Komiker des Tages – kommt kurz darauf tatsächlich angerannt, hopst übermütig in den Ball, macht darin Purzelbäume. Dario Cologna nimmt Anlauf und springt mit dem Rücken gegen ihn. Super10Kampf ist, wenn Stars zu kleinen Buben werden. Um 14 Uhr beginnt die Hauptprobe.

Wenn Skistar neben Schönheitskönigin…
Cuche gibt Vollgas, auch als Gladiator in der Arena. Er will gewinnen – wie man dies von ihm gewohnt ist. Am Super10Kampf nicht aus sportlichem Ehrgeiz, sondern weil Gewinnen Spass macht. Weil Gewinnen das Team zusammenschweisst. Weil Gewinnen in seinen Genen liegt. Er ist der Sprücheklopfer und der grosse Motivator des Teams. «Es ist das Positive im Mensch, das dich nach vorne treibt», philosophiert er in einer Pause. Schönheitskönigin und Teamkollegin Kerstin Cook jedenfalls ist begeistert: «Cuche ist ein toller Typ, ein richtiger Captain», schwärmt sie, «er wird uns zum Sieg führen.» Einen wie ihn brauche es hier. Auch wenn – oder gerade weil – er ein bisschen ein «Bschiissisack» sei.

Tricks und raffinierte Schummeleien gehören zum Super10Kampf wie die farbigen, aufblasbaren Plastikkeulen, mit denen die Zuschauer das Hallenstadion jeweils zum Erzittern bringen. Nur erwischen lassen sollte man sich nicht. Wie Cuche letztes Jahr. «Das war völlig unbegründet, ich hatte keine Ahnung weshalb», sagt er. Man glaubt ihm kein Wort. Heuer wird es das Team um Risi und Ex-Mister-Schweiz Renzo Blumenthal sein, das wegen eines unfairen Kaugummi-Einsatzes entlarvt wird.

Vorfreude auf die 16. Saison
Am Nachmittag ist die Stimmung gedrückter. Seit acht Stunden sind die Gladiatoren nun bereits im Stadion. Und es bleiben noch drei Stunden, bis die Show richtig losgeht. Man müsse seine Kräfte einteilen, «es wird ein langer Abend», sagt Cuche. Und schielt gespielt vorwurfsvoll zu seinem Team. «Einige muss man regelrecht bremsen.»

Cuche ist es gewohnt, als Team-Ältester für die anderen da zu sein. Als 34-Jähriger wurde er 2009 in Val d’Isère ältester Weltmeister der Skigeschichte. «Es macht mir Spass, dass ich am Ende der Karriere bin. Am Ende einer erfolgreichen Karriere.» Nach der vergangenen, äusserst erfolgreichen Saison werde es zwar schwieriger, sagt er. «Aber das habe ich in anderen Jahren auch immer gedacht. Und dann war die nächste Saison meist noch erfolgreicher.» Am Tag nach dem Super10Kampf wird der Neuenburger sein dreiwöchiges Konditionstraining fortsetzen. Und dann zehn Tage lang in Kanada trainieren, «bevor es richtig losgeht», in Lake Louise, Ende November.

«Ich freue mich darauf», sagt Cuche. Besser könne man zwar immer noch werden, «aber irgendwann muss man in die Startlöcher». Entgegen vieler Medienberichte fühle er sich nach seiner Leistung in Sölden gut und starte zuversichtlich in die neue Saison. Dass «die Medien immer nur auf den Rang schauen», nerve irgendwann schon, sagt Cuche. «Sie nehmen jeweils gar nicht wahr, was während den Rennen wirklich passiert.» Er schüttelt den Kopf: «Das ist unprofessionell.»

Didier Cuche ist bekannt als emotionaler Sportler. Einer, der zeigt, was er fühlt und denkt. Freude, Stolz, Enttäuschung – Gefühle gehören zum Sport und Cuche lebt sie, ist manchmal launisch, aber immer ehrlich und authentisch. Vielleicht ist Cuche deshalb über die 15 Jahre, die er nun bereits im Skizirkus der Besten mitmischt, zum Publikumsliebling geworden. Langsam und stetig, wie seine Karriere als Skiprofi. 2009 wurde er zum Sportler des Jahres gekürt. Auch am Super10Kampf geht es um Emotionen. Und Cuche ist voll dabei. Übermütig, gut gelaunt, lustig.

Ein Spiel mit den Emotionen
«Wenn es dann losgeht, wird mein Puls ganz oben sein», prophezeit Cuche, als er seine Sachen packt, um gleich in den Katakomben des Stadions zu verschwinden. Zwei Stunden später ist im Hallenstadion jeder Sitz besetzt. Ohrenbetäubend ist der Krach der farbigen Keulen, mit denen die Leute die Stars empfangen. Cuche erhält tosenden Applaus, als er ins Stadion rennt. Die Leute im Sektor «blau» werden in diesem Moment zu Cuche-Fans – bereit, den ganzen Abend lärmend und johlend mit ihm mitzufiebern. Der Super10Kampf ist ein Spiel mit den Emotionen des Sports. Es muss nicht immer Fussball sein.

  

 

Cuche geniesst das Licht der Scheinwerfer und den frenetischen Empfang durch «seine» Fans. Endlich geht es los. Endlich gilt es ernst. Cuche, Cook, Fischer und Galmarini kämpfen. Mal besser, mal schlechter. Sie rennen und klettern, werfen und bauen. Sie machen Faxen und geben alles. Vor dem Gladiatoren-Parcous, dem Herzstück des Super10Kampfs, sind sie an zweiter Stelle, mit nur zwei Punkten Rückstand auf das Team von Kilian Wenger. Sogar in Simis Sektor fiebern sie mit einem riesigen Plakat mit Cuche mit.

Dann kommt das Finale. Doch da strauchelt Cook, Cuche ist bei der «Stab»-Übergabe nicht flink genug – und raus ist das Team. Simon Ammann überflügelt die restlichen Teams schliesslich alle und nimmt auch diesen Sieg mit nach Hause. Die Zuschauer toben, schreien, singen. Als könnten sie das riesige Stadion zum Bersten bringen. Cuche strahlt. Dann stürmen die Kinder die Arena. «Geil gsi, het gfägt», sagt Cuche, als er sich vor einem Stapel Autogrammkarten an den Tisch setzt. Für mehr reicht es nicht: Er wird bestürmt, verschwindet in der Masse der Leute, die alle eine Widmung von ihm wollen. Oder von der Miss an seiner Seite.

 

Zur Person: Der 36-jährige Neuenburger Didier Cuche gehört seit Jahren zu den besten Schweizer Skirennfahrern. In seiner 15-jährigen Sportkarriere war der Swiss Olympic Top Athlete viermal an Olympischen Spielen dabei (in Nagano 1998 gewann er Silber im Super-G) und stand im Weltcup 54 Mal auf dem Podest, davon 14 Mal zuoberst – und zwar sowohl in der Abfahrt, im Super-G wie auch im Riesenslalom. Auch an Weltmeisterschaften holte er einen gesamten Medaillensatz: In Are 2007 Bronze in Riesenslalom und in Val d’Isère Silber in der Abfahrt und Gold im Super-G.

Bilder: Photopress, Swiss Olympic

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