24. März 2010, ole.rauch

Service sans public?

Die Paralympics sind am Sonntag zu Ende gegangen. Vancouver hat den Athletinnen und Athleten nochmals eine beeindruckende Schlussfeier geboten. Während der vergangenen zwei Wochen haben Vancouver und ganz Kanada diese parallelen Spiele hervorragend beherbergt, organisiert und unterstützt… so habe ich das zumindest gesehen, gehört und gelesen. Live dabei war ich leider nicht, weder an den Olympics noch an den Paralympics.

 Christoph Kunz/Michael Brügger und Didier Cuche - drei Top-Sportler mit ungleicher Medienpräsenz

Wer sich informieren wollte und will, kommt ziemlich einfach zu Bildern, Resultaten und weiteren Informationen - das Internet hat diesbezüglich vieles vereinfacht. Aber nicht nur die mediale Aufmerksamkeit, sondern auch das allgemeine Interesse an den Paralympics haben eindeutig zugenommen.

Während 2002 noch 600 Medienvertreter nach Salt Lake City reisten, um über die Paralympics zu berichten, waren es in Vancouver bereits 1400. ARD und ZDF haben live aus Vancouver gesendet, der ORF hat tägliche Zusammenfassungen der Paralympics ausgestrahlt und im Internet findet man Live-Übertragungen, Liveticker, Resultate, (Bewegt-)Bilder, Blogs und Hintergrundberichte. Auch das Swiss Paralympic Team betreibt eine Facebook-Fanseite  und verschickte während den Spielen Teamnews aus Kanada.

Und trotzdem: Ein Christoph Kunz, seines Zeichens Paralympic-Doppel-Medaillengewinner in Vancouver, wird nie so viel mediale Aufmerksamkeit wie ein – leider in Vancouver leer ausgegangener – Didier Cuche erhalten. Das hat – offensichtlich – überhaupt nichts mit der sportlichen Leistung zu tun. Dass die Athletinnen und Athleten mit körperlichen Behinderungen eine mindestens so hoch einzustufende sportliche Leistung erbringen wie ihre nichtbehinderten Kolleginnen und Kollegen, ist allen klar.

Einige unserer Blog-Leser und Facebook-Fans haben sich darüber beschwert, dass den Paralympics zu wenig Beachtung geschenkt werde. Speziell das Schweizer Fernsehen (SF) ignoriere die Paralympics komplett, aber auch die Print-Medien interessierten sich zu wenig für den Behindertensport. Oder interessieren sich einfach zu wenige Leute für Behindertensport?

Lieber Champions League
Ich persönliche unterstütze die Paralympics moralisch absolut, ich arbeite hier im Haus des Sports mit Swiss Paralympic gerne zusammen und ich bewundere die Leistung der behinderten Athletinnen und Athleten. Nicht allein die sportliche Leistung, sondern auch die psychische, mit einer Behinderung auf Top-Niveau Sport zu treiben, ohne grosse finanzielle Unterstützung, ohne perfekt organisierte Trainings und Infrastruktur, dafür mit umso grösserem Enthusiasmus und Hingabe für die Sache. Das verdient ehrlichen Respekt.

Aber auch wenn ich mir während der Paralympics Teile der Skirennen (stehend und sitzend) angeschaut habe, wirklich gepackt hat es mich nicht und ich habe schon bald wieder umgeschaltet. Auf Fussball Champions League, die Simpsons oder eine Tier-Doku. Es packte mich einfach nicht in derselben Art wie die Abfahrt am Lauberhorn, die ich jeweils gebannt vor dem TV-Gerät vom ersten bis zum letzten Fahrer schaue, oder das Halbfinalspiel der Schweizer Curler an Olympia.

Das hat nichts damit zu tun, dass die einen behindert sind und die anderen nicht. Es geht viel eher um Spektakel, Geschwindigkeit und nicht zuletzt um bekannte Stars, die mir beispielsweise die Lauberhorn-Abfahrt bietet, die Paralympics jedoch nicht.

Huhn oder Ei?
Vielleicht kann man die Paralympics mit Randsportarten vergleichen, die teilweise fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Und da sprechen wir nicht einmal von «Exoten-Sportarten» wie Casting, Einrad-Hockey oder Eisstockschiessen, sondern - zumindest in der Schweiz – auch international sehr etablierte und durchaus populäre Sportarten wie Volleyball oder Unihockey. Mehr als Resultatmeldungen in den grossen Zeitungen und vielleicht einen 15-Sekunden-Beitrag am TV über den Cupfinal sieht man da kaum.

Die Frage ist: Sind die Leute wirklich nicht an solchen Ereignissen interessiert? Oder interessieren sie sich nicht dafür, weil die Medien nicht darüber berichten? Wer war zuerst da: das Huhn oder das Ei?

Service sans public?
Die Leute erwarteten vom Fernsehen wohl kaum tägliche vier Stunden Live-Berichterstattung aus Vancouver. Aber vielleicht hätte man innerhalb der Sportsendung «Sportaktuell» das Paralympic-Team vorstellen und etwas ausführlicher über die Sportarten und die Besonderheiten berichten können. So zumindest der Tenor unserer Web-Leser.

Wie seht Ihr das? Gehört es zum Service-public-Auftrag der SRG, über die Paralympics zu berichten? Oder wäre das eine Verschwendung von Gebührengeldern, weil es unter Umständen nur wenige Angefressene interessierte – Service public als «Service sans public»?

PS: Spät, aber immerhin, hat sich das SF am Montag in der Sendung «Sport Lounge» dem Thema Behindertensport und der Diskussion «Paralympics - Behindertensport zwischen Bewunderung und fehlender Beachtung» angenommen. Als Gäste waren Heinz Frei (14facher Paralympic-Medaillengewinner), Joachim Röthlisberger (21-jähriger Behindertensportler mit Ziel Paralympics 2014) und Corinne Albani (Physiotherapeutin und Betreuerin im Swiss Disabled Skiteam) im Studio.

Die Thematik wurde von weit her aufgerollt, es ging um fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung, um fehlende finanzielle Unterstützung und fehlende Strukturen, aber auch um undurchsichtige Regeln (Einteilung des Behindertengrades/-faktors). Und als man dann endlich zum Thema kommen wollte, war die Sendezeit schon wieder vorbei. Wir müssen die Diskussion also selber starten …

Ole Rauch ist Leiter Kommunikation bei Swiss Olympic

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Kategorien: Sport und Ethik

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