Nach den Olympischen Winterspielen von Vancouver 2010 beendete Ski-Freestyle-Athletin Evelyne Leu ihre glanzvolle Karriere. Im Gespräch lässt die Aerial-Olympiasiegerin von Turin 2006 nochmals Höhen und Tiefen Revue passieren und erzählt über ihre berufliche Zukunft.

Evelyne Leu, Sie mischten von 1994 bis 2010 im Ski-Freestyle-Zirkus als Aerial-Springerin an der Spitze mit. Wenn Sie auf die vergangenen 17 Jahre zurückblicken, welches waren die schönsten respektive bittersten Momente in Ihrer Karriere?
Der mit Abstand schönste Moment war jener, als mir in Turin kurz vor der Landung bewusst wurde, dass alles stimmte. Die Gewissheit, dass der Full-Full-Full (Sprung mit drei Saltos und drei Schrauben, Anm. d. Red.) «gut kommen» wird und ich diesen stehen werde, ist im Nachhinein unbeschreiblich. Schliesslich war mir dieser Sprung bis dahin nur im Training gelungen. Der bitterste Moment war nicht das Ausscheiden in Vancouver, sondern der Kreuzbandriss kurz vor den Spielen in Salt Lake City 2002. Dass ich trotz Verletzung teilnehmen konnte und mir einige gute Sprünge gelangen, ändert bis heute nichts an der Enttäuschung.
Sie haben in Ihrer Karriere an vier verschiedenen Olympischen Winterspielen teilgenommen. Welche Erinnerungen bleiben an die einzelnen Spiele?
Ein Vergleich ist nicht einfach. Vom sportlichen Erfolg her war Turin 2006 das absolute Highlight. Bei diesen Spielen passte im Wettkampf einfach alles. In Bezug auf die olympische Stimmung konnte Turin aber nicht mit den anderen Spielen mithalten. Meine ersten Spiele in Nagano 1998 waren natürlich emotional etwas ganz Spezielles. Alles war neu für mich und ich weiss noch, wie ich mit offenem Mund durch das olympische Dorf zog. Von der Stimmung her waren die Spiele von Salt Lake City 2002 die Besten. Vancouver 2010 hätte vermutlich mithalten können. Leider wurde mir nach meinem Sturz strikte Ruhe verordnet. Weil ich wegen der Schmerzen nicht einmal längere Zeit fernsehen konnte und ich wegen der 48-Stunden-Regelung kurz nach meinem Ausscheiden zurückreisen musste, habe ich kaum etwas von diesen Spielen mitbekommen.
Sie haben bereits im Oktober 2009, zwei Monate vor dem Weltcupstart, Ihren Rücktritt per Ende Saison erklärt. War dieser Zeitpunkt bewusst gewählt?
Der Zeitpunkt meiner Rücktrittserklärung war eher eine Flucht nach vorne. Ich wurde bereits seit längerer Zeit ständig von Journalisten auf das Thema angesprochen. Als ich dann ein neues Heim bezog und eine Ausbildung begann, war es für die Medien natürlich kein grosses Kunststück mehr, eins und eins zusammenzuzählen.
Aber den Entscheid zurückzutreten haben Sie sicher nicht spontan getroffen?
Nein, von den ersten Rücktrittsgedanken bis zum effektiven Rücktritt war es ein langer Prozess. Nachdem ich mich vor Turin zum ersten Mal mit einem möglichen Rücktritt befasste, entschied ich mich relativ rasch, mindestens noch eine weitere Saison anzuhängen und an den Weltmeisterschaften 2007 teilzunehmen. Zwar hatte ich mit 30 ein Alter erreicht, das einen Rücktritt nahe legte. Nach der WM fühlte ich mich aber immer noch topfit und entschied mich deshalb, meine Karriere bis zu den Olympischen Spielen in Vancouver fortzusetzen.
Nun ist Vancouver Geschichte und Ihr Rücktritt vollzogen. Wissen Sie bereits, wie Ihre berufliche Zukunft aussieht?
Als ich mich im Frühjahr 2008 definitiv entschied, nach Vancouver 2010 zurückzutreten, begann ich mich ernsthaft mit meiner beruflichen Zukunft auseinanderzusetzen. Wohin meine berufliche Laufbahn führen sollte, war mir aber unklar. Klar war einzig, dass ich nicht in meinen Beruf als Elektromechanikerin zurückkehren wollte.

Suchten Sie Unterstützung für den beruflichen Wiedereinstieg?
Ja, ich bat Swiss Olympic im Rahmen des Swiss Olympic Athlete Career Programme um Hilfe für eine berufliche Standortbestimmung und eine allfällige Unterstützung bei der Berufs- oder Ausbildungswahl. Gleichzeitig nahm ich mit der ehemaligen Skirennfahrerin Brigitte Oertli, Inhaberin einer Marketingschule, Kontakt auf. Gemeinsam entschieden wir uns für eine Ausbildung im Bereich Marketing. Ich bestand die Prüfung für die Ausbildung zur Marketingfachfrau und drücke nun seit ein paar Monaten wieder einmal pro Woche die Schulbank.
Sie konnten sich während Ihrer Karriere auf die Unterstützung diverser Sponsoren verlassen. Ist dies auch im Hinblick auf Ihre berufliche Zukunft der Fall?
Da ich bereits auf der Suche nach einer Teilzeitstelle während meiner Ausbildung bin, stehe ich mit einigen Sponsoren in Kontakt, weitere möchte ich in nächster Zeit noch anfragen. Bislang hat sich leider noch nichts Konkretes ergeben. Aber Vancouver liegt ja auch noch nicht so weit zurück.
Als Aerial-Springerin erweckten Sie den Eindruck, keine Angst zu kennen. Gehen Sie Ihre berufliche Zukunft genauso furchtlos an?
Angst habe ich nicht, aber ich bin gespannt, wie lange es dauern wird, bis ich eine Stelle finde. Zwar sammelte ich den letzten zehn Jahren einige Medaillen, aber in den Augen der Wirtschaft war ich wohl seit 2001, als ich voll auf den Sport setzte, arbeitslos. Für einen Arbeitgeber zählt ein gutes Arbeitszeugnis mehr als ein Olympiasieg.
In welcher Hinsicht bringt Sie Ihre sportliche Karriere in Ihrem künftigen Beruf weiter?
Ich denke, dass ich mich in dieser Zeit im mentalen Bereich enorm weiterentwickeln konnte, was für mich im beruflichen Alltag extrem hilfreich sein wird. Einerseits verbesserte ich meine Konzentrationsfähigkeit, die seit jeher zu meinen Stärken gehört. Andererseits lernte ich über die Jahre, immer besser mit Druck umzugehen. Zudem galt es als Profisportlerin, ein eigenes Unternehmen zu führen. Dies brachte mir ebenfalls einiges an Erfahrung, die in meinem späteren Berufsalltag sehr nützlich sein wird. Im Moment ist es aber beruhigend zu wissen, dass ich mit den Leuten vom Swiss Olympic Athlete Career Programm und Frau Oertli ein Team im Rücken habe, das mich sowohl bei der Wahl einer Ausbildung als auch in der Jobsuche unterstützt.
Das Swiss Olympic Athlete Career Programme bietet Athleten eine nachhaltige Beratung zur sportlichen Karriereplanung sowie zur beruflichen Laufbahn und bietet Unterstützung bei der Stellenvermittlung. Weitere Informationen finden Sie hier.