Isabelle Bossi war Chef de Mission der Schweizer Delegation an den ersten Youth Olympic Games, die vom 14. bis 26. August in Singapur stattfanden. Im Gespräch spricht sie über lehrreiche Dopingkontrollen, unbelohnte Topleistungen und unterschiedliche Schlafenszeiten.

Isabelle Bossi, vergangenes Wochenende sind die ersten Youth Olympic Games der Geschichte zu Ende gegangen. Wie lautet Ihr erstes Fazit?
Aus organisatorischer Sicht sind wir sehr zufrieden. Die Youth Olympic Games (YOG) ähneln von den Abläufen her Olympischen Spielen sehr. Und das Organisationskomitee aus Singapur wollte unbedingt perfekt organisierte Spiele durchführen. Das hat man gemerkt. Das ist auch gelungen, trotz häufig ändernden Plänen im Vorfeld der YOG. Auch aus sportlicher Sicht fällt unsere Bilanz positiv aus. Swiss Olympic hat zwar keine Leistungsvorgaben für die YOG definiert. Unsere vier Medaillen, eine goldene, eine silberne und zwei aus Bronze, sind aber ein Erfolg.
Vor den Spielen war unklar, welchen Stellenwert die Wettkämpfe aus sportlicher Sicht haben würden. Wie sieht es heute aus?
Ich gehe davon aus, dass sich die Youth Olympic Games etablieren werden. Das sportliche Niveau der Wettkämpfe war sehr hoch. Wollen die YOG zum wichtigsten Event für Nachwuchsathleten werden, muss aber noch einiges geschehen. Die internationalen Sportverbände müssen die Jugendspiele fest in ihren Wettkampfkalender einbauen. Die Welt- und Europameisterschaften der Junioren dürfen die Youth Olympic Games nicht konkurrenzieren. Heute ist das zum Teil noch der Fall.
Ein umstrittener Punkt waren die teils neuartigen Wettkampfformen. Beispielsweise gab es in den Radwettkämpfen nur eine Team-Wertung und die Ruder-Strecke war bloss einen Kilometer lang. Wie beurteilen Sie diese Diskussionen?
Die Diskussionen werden kontrovers geführt. Ich bin auch nicht mit allen Wettkampfformen einverstanden. Ich finde beispielsweise, dass die Leistungen unserer Radfahrerin Linda Indergand zu wenig honoriert wurden. Sie gewann das Zeitfahren, wurde auf dem Mountainbike Zweite und war nach Rangpunkten die beste aller Fahrerinnen. Sie hätte mindestens zwei Medaillen verdient. Ich hoffe, dass das IOC gemeinsam mit der Internationalen Radsport-Union UCI und den Nationalen Olympischen Komitees eine bessere Lösung findet. Die so genannten «Mixed Team Events» mit Mannschaften, die sich aus Athleten verschiedener Nationen und beider Geschlechter zusammensetzten, waren hingegen eine Bereicherung – aber nur als zusätzliche Wettkämpfe zu den üblichen.
Welche Rückmeldung haben sie bisher von den Athletinnen und Athleten erhalten?
Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Man merkte den jungen Talenten an, dass sie stolz waren, dabei sein zu können und ihr Land zu repräsentieren. Zu Recht: Die Selektionshürden für Schweizer Athletinnen und Athleten waren sehr hoch.
Das IOC hat für die Premiere in Singapur ein so genanntes Kultur- und Bildungsprogramm auf die Beine gestellt und wollte den kulturellen Austausch fördern. Hat das funktioniert?
Die zahlreichen Freizeit-Angebote wurden sehr gut genutzt. Und das, obwohl die Teilnahme an den Aktivitäten und Workshops freiwillig war. Bloss, im Alter von 14 bis 18 Jahren verändern sich die Interessen teils stark und es ist unmöglich, allen Altersgruppen gerecht zu werden. Sehr gut war, dass den Jugendlichen bei den durchgeführten Dopingkontrollen der Ablauf sehr genau erklärt wurde. Da haben unsere Athleten viel gelernt.

Isabelle Bossi mit Bike-Talent Linda Indergand an den YOG in Singapur
Welche besonderen Herausforderungen mussten Sie als Chef de Mission meistern?
Eine grosse Herausforderung waren sicher die vielen Änderungen im Vorfeld der YOG. So wurden beispielsweise mehrfach die Quoten für Betreuer geändert, wir erfuhren erst kurz vor dem Abflug, dass wir zusätzliche Trainer mitnehmen können. Es war nicht einfach, kurzfristig Trainer zu finden, die mit nach Singapur reisen konnten und wollten. Vor Ort musste ich mich auch um ein gutes Klima im Team kümmern. Die Jugendlichen wohnten alle während mehr als zwei Wochen auf engem Raum im Athletendorf, hatten aber ganz unterschiedliche Tagesabläufe.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Unsere Silbermedaillen-Gewinnerin über 1000 Meter, Andrina Schläpfer, ging jeden Abend bereits um 20 Uhr schlafen, um für ihren morgens stattfindenden Wettkampf ausgeschlafen zu sein. Da müssen die anderen Athleten Rücksicht nehmen, vor allem wenn ihre Wettkämpfe bereits zu Ende sind. Das hat aber sehr gut geklappt.
Welches war Ihr persönlicher Höhepunkt?
Für mich war es jedes Mal ein Höhepunkt, wenn ich die Freude in den Gesichtern unserer Athletinnen und Athleten gesehen habe. Das war nicht nur Freude über eigene Erfolge, sondern immer wieder auch Freude über die Erfolge der anderen Teammitglieder. Ganz sicher auch ein Höhepunkt war die Eröffnungsfeier. Ich war bereits an den Olympischen Winterspielen in Vancouver und habe jene Eröffnungsfeier miterlebt. Singapur braucht den Vergleich mit Olympischen Spielen nicht zu scheuen.
Gab es auch einen Tiefpunkt?
Vielleicht die Luftfeuchtigkeit und die ständige Hitze in Singapur. Wenn man sich das Arbeiten bei 35 und mehr Grad nicht gewohnt ist, kann das die Konzentration schon beeinträchtigen. Sehr ärgerlich war, dass dem Wäscheservice im Dorf etliche Kleidungsstücke von Delegationsmitgliedern abhanden kamen. Darunter auch teure Sporthosen unserer Radfahrer. Die Kleider wurden nicht mehr alle gefunden. Immerhin wurden die Betroffenen vom Organisationskomitee finanziell entschädigt.
Im Januar 2012 finden bereits die nächsten Youth Olympic Games in Innsbruck statt. Dann werden es aber Winterspiele sein. Was wird anders sein?
Es wird spannend sein zu sehen, wie das Konzept von Sport in Verbindung mit Kultur und Bildung bei Winterspielen umgesetzt wird. Winterspiele bringen ganz andere Voraussetzungen mit sich: Dem Rahmenprogramm sind engere Grenzen gesetzt, weil weniger Angebote draussen stattfinden können. Zudem verlangen viele Wintersportarten mehr Aufwand von Seiten der Organisation und von Seiten der Delegationen. Für Swiss Olympic wird Innsbruck 2012 ein sehr interessanter Anlass. Die Delegation wird sicher grösser, und wir werden wohl konkrete Leistungsziele bestimmen. Zudem finden die Youth Olympic Games in unserem Nachbarland statt. Wir Schweizer werden da ganz besonders motiviert sein.
Christoph Emch ist Mitarbeiter Medien und Information bei Swiss Olympic und amtete in Singapur als Medienchef der Schweizer Delegation.