8. Juni 2011, fanny.clavien

Fanny Clavien: Der Tag und die Stunde «X»

An der Karate-EM in Kloten gewinnt Fanny Clavien ihre zweite Goldmedaille. Was für ein Comeback, war sie davor doch über ein Jahr verletzt. Die 24-jährige Walliserin erzählt im Blog von ihrem Tag «X».

An jenem Freitag, 6. Mai, erlebte ich eine wahre Wiedergeburt. Endlich, 14 Monate nach meiner Verletzung und nach zehn langen Monaten Reha, konnte ich wieder auf meinem besten Niveau kämpfen. Ein Rückblick.

Am Tag X stehe ich morgens um halb acht auf, leicht und beschwingt, als ob ich in den Ferien wäre. Wie vor einem ganz normalen Training packe ich meine Taschen. Noch merke ich nichts davon, dass dieser Tag der wichtigste in diesem Jahr ist. Jener Tag, der das Ende meiner Reha nach dem Kreuzbandriss bedeutet, jener Tag auch, der meine Rückkehr auf höchstem Niveau darstellt. Nur sechs Wochen vor der EM hatte ich bei einem Wettkampf einen harten Schlag auf mein Knie erhalten. Ich bin also nicht im Vollbesitz meiner Kräfte, fühlte mich vor dem Tag X unsicher. Ich schätzte meine Medaillenchancen als gering ein.

Aber an jenem Freitag scheinen mir all diese Sorgen so fern und belanglos. Ich fühle mich gut, bin in meinem Element. Vor allem aber spüre ich die wachsende Ungeduld und will nur eins: dass es endlich losgeht!

Eineinhalb Stunden vor dem Beginn meines ersten Kampfes fange ich mit dem Aufwärmen an. Ein kritischer Augenblick, geht es doch darum, sich langsam in Wettkampfstimmung zu bringen. Aber nicht zu sehr, sonst verkrampft man sich. Auch da geht an diesem Tag alles so wunderbar einfach und leicht. Wir Schweizer Athleten haben dank des Heimvorteils einen eigenen Aufwärm-Raum, wo wir uns ungestört vorbereiten können.

Auch mit dabei in dieser Phase: mein mp3-Player und mein «Schwesterherz». Wir haben viel gemeinsam und sind beide begeistert vom Hip-Hop-Tanz. Und so kommt es, dass wir gegen Ende meines Aufwärmprogramms noch eine Tanzeinlage geben. Was für ein Programm kurz vor der Europameisterschaft! Smile

So konzentriere ich mich kurz vor meinem ersten Kampf nicht auf meine Gegnerinnen, sondern nur auf mich und mein Wohlbefinden. Als meine Kategorie aufgerufen wird und ich mich zur traditionellen Begrüssung aufstelle, überwältigt das Adrenalin meine Sinne und ich weiss: jetzt geht’s los.

«Heute ist dein Festtag!»

Zunächst gehe ich mit meinem Coach aber noch zurück in die Garderobe, bis ich an der Reihe bin. Ich schaue meinem Coach in die Augen und sage: «Das Fest beginnt jetzt.» Ich halte den Kopf gesenkt, die Augen sind zu, ich fokussiere auf diesen einen Moment. Dann schreie ich laut auf: «All diese Monate des Leidens, der Tränen, des Schweisses, des Lachens und der Leidenschaft sind Vergangenheit, was zählt ist jetzt, heute, also geniesse es. Heute ist dein Festtag, also feiere, was das Zeug hält.»

Mein Wettkampf ist lanciert, ich kämpfe mit einer nie dagewesenen Klarheit im Kopf. Ich weiss genau, was ich zu tun habe, bin nicht gestresst. Auch nicht im Halbfinal, als mir der entscheidende Treffer erst zehn Sekunden vor dem Ende gelingt. Ich bin wie in Trance, höre nur mich. Die Schreie meines Coachs und die Anfeuerungsrufe der Zuschauer nehme ich nicht wahr. Nach dem Sieg im Halbfinal beginnt für mich bereits die Vorbereitung für die letzte Phase, den wahren, den einen Kampf: den Final.

Noch habe ich vier Stunden Zeit. Als Botschafterin von cool and clean darf ich bei der Eröffnungsfeier dazwischen noch eine kleine Rede über die fünf Commitments von cool and clean halten – notabene auf Deutsch und Englisch, und nicht in meiner Muttersprache Französisch! Cool

«Doppel-Europameisterin tönt einfach besser»

Eine Stunde bis zum Final. Ich ziehe mich wieder in den Aufwärm-Raum zurück, beginne, mich zu bewegen. Mein Coach ist inzwischen wieder bei mir, wir reden über alles und nichts. Nach einer Weile sagt er: «Weisst du, es tönt einfach besser, wenn man in einem Palmares schreiben kann, man sei Doppel-Europameisterin statt einmal Europameisterin und einmal Vize-Europameisterin.»

Ich schaue ihn an und lächle. Wir verstehen uns.

Ich steige in den Final, als ob ich in den Krieg ziehen würde. Ich bin zuhause, ich habe bis hierher jede Schlacht gewonnen. Ich werde meiner Gegnerin nichts überlassen. Irene Colmar, die Spanierin, kenne ich gut, wir sind uns schon bei der Junioren-EM 2006 im Final gegenübergestanden. Damals unterlag ich ihr um einen Punkt.

Diesmal läuft es besser, ich bleibe sehr konzentriert und übe Druck auf sie aus. Ich gewinne einen ersten Punkt, einen zweiten. Eine Verwarnung gegen mich, noch 2:1 – und dann höre ich den Gong, der das Ende des Kampfes ankündigt… die Erleichterung… Ein unbeschreibliches Gefühl, ein emotionaler und magischer Moment.

Auch heute, einen Monat später, kann ich immer noch nicht in Worte fassen, was ich in diesem Moment fühlte. Genau für diese Momente arbeite ich so hart. Nicht für die Medaille, sondern für die Emotionen, die ich mit den Menschen in meinem Umfeld teilen kann.

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