22. November 2010, fabian.cancellara

Fabian Cancellara: «Nicht von einem anderen Planeten»

Es geht mir sehr gut nach den Ferien. Ich war weit weg am Strand, ich bin richtig «umeplegeret» - genau das habe ich gebraucht. Und ich hatte endlich Zeit für meine Familie – und das ist das Wichtigste. Auch wenn ich Mühe hatte abzuschalten, nach dieser hektischen, schnellen Saison und dem WM-Titel in Australien. Dem ganzen Stress vor den Ferien. Sobald man «richtig angekommen» ist, sind die Ferien ja meist schon fast vorbei.


Fabian Cancellara im gelben Trikot an der Tour de France 2010                          Bilder: Keystone

Irgendwie wird der Stress immer grösser, Zeit jedenfalls habe ich immer weniger. Jetzt, nach Saisonende haben andere fünf Wochen Zeit zum Nichtstun. Ich beantworte Interviews und erscheine an Anlässen. Eigentlich würde ich jetzt lieber Weihnachtsbeleuchtung aufhängen. Aber wenn man so weit oben ist wie ich, gibt es wahrscheinlich gar keine Off-Saison mehr. Mit jedem Sieg ist der Ansturm grösser. Mit jeder Ehrung, jedem Preis. Alle wollen etwas von mir. Es ist schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen. Als mir Ende Oktober das Goldene Rad verliehen wurde, gab das viel Echo. Für mich war diese Auszeichnung natürlich eine grosse Ehre. Aber sie war auch ein Zeiträuber. Bei anderen Preisen musste ich deshalb absagen. Manchmal muss man auch Nein sagen können. Die Familie ist wichtiger.

Klar machen mich solche Auszeichnungen auch stolz: Sie ehren einen Sportler nicht für einen einzelnen Event, sondern für seine Leistung während des ganzen Jahres. Stolz bin ich sowieso. Und auch wenn sich die Ehrungen häufen – es ist immer schön, im Sport auf dem höchsten «Thrönchen» zu stehen.

In dieser Saison Geschichte geschrieben
Diese Saison war wirklich unglaublich erfolgreich: Ich habe mit der Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix zwei Klassiker gewonnen, ich habe an der Tour de Suisse und der Tour de France das Leadertrikot getragen. In Australien gewann ich den vierten WM-Titel im Zeitfahren, das hat vor mir noch keiner geschafft. Es war aber auch eine enorm hektische Saison. Alles ging sehr schnell. Ich war etwa 200 bis 250 Tage unterwegs – allein für die Tour de France etwa fünf Wochen. Ich hüpfte von einem Rennen zum anderen und war monatelang unterwegs, das war manchmal hart. Für meine Familie wollte ich mir schliesslich auch Zeit nehmen. Das war nicht immer einfach. Manchmal kommen meine Frau und meine Tochter mit – je nachdem, wo ich gerade bin –, das ist immer das Schönste: den Abend nach einem harten Rennen mit ihnen zu verbringen. Familie und Sport unter einen Hut zu bringen, braucht jedoch immer eine strikte Planung, viel Zeit und Nerven. Aber wenn man Erfolg haben will, muss man halt Gas geben.


Tour de France und auf Medaillenkurs an der WM in Australien.

Die schönsten Momente dieser Saison? Es gab viele. Etwa als ich Paris-Roubaix gewann und meine Familie bei mir im Velodrome war. Das war sehr speziell. Auch die Tour de France war ein richtiges Highlight. All die Ups and Downs, all die gemischten Gefühle mit dem Team. Als ich das gelbe Trikot abgab und dann wieder zurück erhielt. Eine mentale Strategie, um solche Situationen zu meistern, habe ich nicht. Mittlerweile habe ich eine so extreme Erfahrung und Routine – diese hilft mir auch im mentalen Bereich.

«In Familie ist Leistung nicht so wichtig»
Zeit, meinen WM-Titel zu feiern, hatte ich nicht richtig. Im kleinen Kreis habe ich mein erfolgreiches Jahr gefeiert. In der Familie ist die Leistung aber gar nicht so wichtig. Wenn ich ein Rennen gewonnen habe, hacke ich es ab und schaue nach vorne. Es ist nicht selbstverständlich, immer zu gewinnen, aber Gewinnen ist Teil meines Berufes geworden. Und damit zu einer gewissen Routine.

Es ist schwierig zu sagen, welcher meiner bisherigen Siege mir am meisten bedeutet. Mein vierter WM-Sieg, mit dem ich als bester Zeitfahrer aller Zeiten in die Geschichte einging. Oder die aufeinanderfolgenden Siege von Paris-Roubaix und der Flandern-Rundfahrt in diesem Jahr. Oder mein Olympiasieg in Peking 2008. Mittlerweile gibt es fast keinen Sieg, der kein Highlight wäre. Ich habe schon fast Luxusprobleme.

Tour-de-France-Sieg bleibt unerreichbar
Es stimmt, ich habe wirklich fast alles erreicht, was man als Radrennfahrer erreichen kann. Träume habe ich natürlich immer noch. Träumen soll man auch. Ein Traum ist beispielsweise, eine Insel in der Karibik zu besitzen. Oder die Tour de France zu gewinnen. Dies war schon als 11-Jähriger mein Traum. Doch auch wenn der Druck nun von allen Seiten kommt: Ich weiss, dass ich diesen Traum nie erreichen werde. Ich werde mit Sicherheit vorher aufhören, ich will mein Leben schliesslich auch noch etwas geniessen.

Genau diese Unerreichbarkeit ist es, was einen Traum von einem Ziel unterscheidet: Ziele sind erreichbar, wenn man für sie kämpft. Träume nicht. Sportler sollen deshalb nicht träumen, sondern sich Ziele setzen und für diese kämpfen. Ziele habe ich selbstverständlich auch noch. Aber ich gebe zu: Nachdem ich nun schon fast alles gewonnen habe, ist es nicht so einfach, meine Ziele fürs nächste Jahr zu definieren. Geschichte zu schreiben ist zwar schön und motiviert mich enorm, aber das reicht mir nicht als Ziel.


Olympiasieger Cancellara in Peking und bei der Rückkehr mit seiner Familie.

Nächste Saison werde ich in einem neuen Team starten. In welchem, gebe ich noch nicht Preis. Es war mir bei der Auswahl des Teams sehr wichtig, dass es mir auch Zukunftsperspektiven eröffnet. Für meine Karriere nach dem Radfahren. Auch wenn ein Rücktritt für mich noch kein Thema ist – ich will nun beides verbinden: Spitzensport und die Vorbereitung fürs Danach. Das Leben wird auch nach meiner Karriere als Radprofi weitergehen. Eigentlich schön, denn es wird ein Neuanfang sein: Ich werde noch einmal jung sein und mir etwas Neues aufbauen dürfen. Ein ganz normales Leben zu führen, wird auch dann nicht möglich sein. Ich bin ein Athlet geworden, eine bekannte Persönlichkeit, ein Champion. Da wird es schwieriger, einfach so durch die Strassen zu gehen. Daran habe ich mich gewöhnt.

Fans als Motivation
Erfolg verändert dein Leben. Aber wenn es nicht allzu schnell geht, kann ich damit umgehen. Bei Schwingerkönig Kilian Wenger zum Beispiel war das ja viel krasser: Er war von einem Tag auf den andern berühmt. Ich aber bin ja nun schon mehrere Jahre auf diesem Niveau. Aber es kommt natürlich immer wieder Neues.

Mir sind andere Werte viel wichtiger, als Erfolg zu haben. Oder berühmt zu sein. Oder reich. Man ist kein besserer Mensch, nur weil man ein Champion ist. Ich bin nicht von einem anderen Planeten. Ich habe mich nicht verändert, auch wenn viele jemand anderen aus mir machen, jemand der ich nicht bin. Das ist manchmal auch schön. Etwa, wenn man von Tausenden Fans verehrt wird. Fans sind schliesslich auch wichtig im Sport: Sie zeigen die Sympathie, die ein Athlet haben kann. Fans sind eine grosse Motivation. An der Tour de Suisse mit dem gelben Trikot durch Bern zu fahren, war wie wenn Federer in Basel spielt: ein Highlight. Es waren Tausende Fans am Strassenrand, ich habe sie während des Rennens stark wahrgenommen. Das motivierte mich enorm.

Grundsätzlich gibt es Wichtigeres im Leben als der Sport. Radfahren ist nicht alles: Der Sport ist mein Beruf und damit nur ein kleiner Teil in meinem Leben. Wenn der Tag X kommt, an dem ich aufhöre, ist alles fertig. Dann will ich sagen können: Ich habe alles gemacht, was ich machen konnte. Was jedoch für immer bleibt, ist die Familie. Wenn ich mit ihr etwas erlebe, prägt mich das viel mehr, als wenn ich ein wichtiges Rennen gewinne. Die Familie ist es denn auch, was für mich zählt im Leben. Und der enge Freundeskreis. In dieser Hinsicht hat mich der Erfolg vielleicht verändert: Materielles befriedigt mich nicht. Gegenstände sind auf Dauer nicht wichtig. Ich habe ein schönes Zuhause, das ist mir viel wichtiger. Und wer weiss: Vielleicht werden wir die Familie ja bald ausbauen. (Aufgezeichnet von Manuela Ryter)

Fabian Cancellara ist der beste Radrennfahrer der Schweiz. 2010 wurde er zum vierten Mal Weltmeister und gewann nacheinander Paris-Roubaix und die Flandern-Rundfahrt.
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