5. März 2010, adrian.weber

Mix sports with politics!

Die Medaillen sind vergeben, Analysen gemacht, Bilanzen gezogen. Als Sofa-Zuschauer habe ich gefiebert, gezittert, gejubelt und gelitten - und leide immer noch: unter Vancouver-Entzug. Was haben wir den Sport in all seinen herrlichen und hässlichen Facetten durchlebt! Die sportlichen Wettkämpfe als medial aufbereitetes Konzentrat unseres eigenen Lebens. Aber auf den Tod, der für einmal zuschlug, hätten wir dann doch gerne verzichtet…

Klar begeisterten mich Schweizer Siege, packende Duelle und tragische Helden. Aber mehr noch interessierte mich, wie die Olympioniken in extremen Situationen reagieren: Wer zeigt Grösse in der Niederlage? Und wie verhält sich ein Sieger in der Stunde seines Triumphs?

 

Mal unter uns: Hätte Simon Ammann nicht mal locker seine Kontrahenten verhöhnen können, nachdem er viermal deutlich am weitesten gesprungen war? Oder hätte er nicht wenigstens mal vom Podest runter dem österreichischen Cheftrainer kurz den Stinkefinger zeigen können , so als kleine Retourkutsche für die nervtötende Bindungsgeschichte? Hat er natürlich nicht, und darauf sollten wir eigentlich stolz sein. Hat Dario Cologna den Schweden Olsson beschuldigt, dieser habe ihn aus dem Tritt gebracht, bevor er selber ausglitt? Hat er natürlich nicht. Natürlich? Und Didier Cuche? Hätte nicht mal einen Konkurrenten beleidigen müssen. Denn: Hirnerschütterung, gebrochene Rippen, kaputter Daumen und weiche Piste hätten längst gereicht, um nach der Enttäuschung etwas besser vor uns Sesselhockern zu stehen. Stattdessen: «Ich habe einen Fehler gemacht». Chapeau!

Sportler wie diese sind meine wahren Helden. Am anderen Ende meines persönlichen Vancouver-Rankings liegen zwei Namen, die eigentlich auch ganz vorne stehen könnten: Petter Northug und Jewgeni Pluschenko. Weshalb? Der eine verhöhnt seine Gegner schon im Vorfeld, stellt im Rennen seine Arroganz offen zur Schau und ruft nach erfolgreichem Zielsprint gerne nach hinten «Wo waren sie alle?». Er sagt, nur eine fahrende Kamera könne ihn im Spurt schlagen...Auch der vom Thron des Eiskönigs gestossene Pluschenko hält sich für ziemlich unschlagbar, jedenfalls empfand er es als eine Zumutung, hinter einem amerikanischen «Nur-Dreifach-Tänzer» auf dem Podest stehen zu müssen…

Gute Sportler sind nicht automatisch grosse Sportler. Grosse Sportler haben Geist und kennen Demut und Respekt. Grosse Sportler erwärmen Freund und Feind, wenn’s sein muss, auch mal grenzüberschreitend. Meist genügen dafür unscheinbare, sportliche Gesten. Zwei Beispiele gefällig?

Unsere Schweizer Curling-Damen um Mirjam Ott hatten ihr Auftaktspiel gegen Kanada zwar mit 4:5 verloren. Einen kanadischen Curling-Fan haben sie dennoch beeindruckt. Larry Mc Fadden aus Brentwood Bay (BC) schrieb nach dem Spiel an Swiss Olympic: «Ich habe am TV das kanadische Curling-Frauenteam gegen das Schweizer Team spielen sehen. Im Spiel verschob eine kanadische Spielerin aus Versehen einen Schweizer Stein, was die Schweizerinnen nach Reglement zu ihrem Vorteil hätten ausnutzen können. Darauf verzichteten sie aber. Dies zeigt, dass das Schweizer Team den ‘Olympic Spirit‘ hat und dass sie echte und faire Sportlerinnen sind! Bravo an die Schweizerinnen, ich habe grossen Respekt für sie und ihren olympischen Geist! Ich hoffe sehr, dass das Team Schweiz auf dem Podest landen wird!». Okay, unsere Curling-Ladies landeten leider nicht mehr auf dem Podest. Dafür im Herzen von Larry und vielen anderen Fans.

Aufs Podest schaffte es dafür der deutsche Langläufer Tobias Angerer in der 30 Kilometer-Verfolgung, dies aber nur dank Sergio Favre, einem italienischen Servicemann in Schweizer Diensten. Dem 32jährigen Angerer brach mitten in der heissesten Phase des Rennes ein Stock. «Ein freundlicher Schweizer Servicemann hat glücklicherweise gesehen, dass ich meinen Stock verloren hatte. Der hat sofort geschaltet und mir einen Ersatzstock des Schweizer Teams gegeben», freute sich Angerer im ZDF-Interview. Dass es im harten Kampf um die Medaillen auch mal freundschaftlich zugeht, freute ihn ganz besonders: «Es ist toll, dass es diese Gesten noch gibt. Tausend Dank an die Schweizer!»

Auch der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg freute sich über diese Hilfe aus der Schweiz. «Zuletzt war das Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland ja nicht immer unproblematisch», lachte er. «Aber bei Olympia ist alles lockerer und freundlicher. Ich habe mich hier mit einem Schweizer Politikerkollegen getroffen und festgestellt: Es ist hier mehr Gelassenheit da, als bei Diskussionen in Europa.»

Sport sollte eben doch mit Politik vermischt werden. Und: Der Sportgeist lebt!

 

Adrian Weber arbeitet bei Swiss Olympic in der Abteilung Events und Programme und ist auch für "Olympic Spirit"-Themen zuständig.

 

 

 

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