«You are accommodated in Block A5» hiess es als ich am 22. Juli, einen Tag vor der Delegation, im Olympic Village in Trabzon angekommen bin. Erleichterung! Denn die Unterkünfte in der Zone A sind grossräumig und neu. Zone B sind die alten Unterkunftsgebäude der Universität und ca. 2 km weg von der Verpflegungshalle. Und wenn ich Hunger habe, sind 2 km eine Weltreise...

Nun, die Freude war von kurzer Dauer. Block A5 war zwar grossräumig und neu, aber noch nicht fertig. Bis weit in die Morgenstunden wurden die letzten Türen eingebaut, Bordsteine eingeschlagen, Personenlifte eingeschraubt…
Spektakel an der Eröffnungsfeier, Probleme mit dem Internet
Bei der Ankunft der Delegation war unser Block schweizerisch dekoriert und auf den ersten Blick waren alle nötigen Infrastrukturen fertiggestellt. Die jungen Athleten liessen sich durch die typischen Neubauschwierigkeiten (z.B. kein Wasser oder zu viel Wasser – nach einer Dusche gab’s regelmässig Überschwemmungen) nicht irritieren und von der spektakulären Eröffnungsfeier inspirieren. Nach dem Einmarsch der Nationen vor ca. 20'000 Zuschauern haben sich die Türken die Sympathien aller Pyrofans mit einem zehnminütigen Feuerwerk ergattert. Vor lauter Staunen haben sämtliche Polizisten und andere Ordnungshüter die Tatsache ignoriert, dass das Stadion von Trabzonspor masslos überfüllt war und sämtliche Ausgänge verstopft waren. Nicht auszudenken was hätte sein können, wenn eine Rakete nicht in die gewünschte Richtung gezischt wäre…

Bis zum erfreulichen Gewinn der ersten Medaillen für die Schweizer wurde im Olympic Village auch endlich die Internetverbindung in Stand gestellt. Wollten allerdings mehr als ca. 500 Personen der im Village anwesenden 3500 Personen auf die WiFi-Verbindung zugreifen, fiel diese wieder aus. Und mit der Internetverbindung nicht selten auch die Klimaanlage. Manchmal sogar die ganze Stromversorgung. Dies mussten auch die Kunstturner während ihres Teamwettkampfes erleben. Dreimal fiel der Strom aus und es kam zu mehrmaligen 20-minütigen Unterbrüchen. Aber die Schweizer behielten die nötige Coolness - Bravo!
Abenteuer Strasse in Trabzon
Da zwischen den Wettkampfstätten Distanzen von bis zu 40 km lagen und das Shuttlesystem zu unflexibel war, musste für unser Teamarzt und mich ein Mietauto her. Im Vorfeld hatte ich bei einem offiziellen Anbieter in Trabzon zwei Mietwagen reserviert. Doch leider waren die Wagen trotz schriftlicher Bestätigung und korrekter Reservation nicht vorhanden – der Meistbietende hatte wohl Vorrang. Da alle Mietstationen in und um Trabzon ausgebucht waren, habe ich meinen Attaché gebeten zwei Mietwagen zu organisieren. Wie und wo war in der Not egal.
Tags darauf kam Erdogan. Erdogan war der Mann einer Nichte der Mutter der Nachbarin des Bruders von meinem Attaché, oder eventuell der Nachbarin des Onkels, aber das habe ich nicht genau verstanden. Erdogan sprach Türkisch und zwar schnell und laut. Ich Englisch, Deutsch, Französisch und Italienisch alles mit grossen Gesten. Irgendwie haben wir uns geeinigt und der Deal kam zustande. Wir hatten unsere Wagen und es blieb zu hoffen, dass wir alle (die Wagen und die Fahrer) die Woche gut überstehen würden. Der Strassenverkehr in Trabzon ist ein Wagnis. Es gibt nur eine Regel: schaue auf dich und bahne dir hupend den Weg!
Menschenmassen in Trabzon und in Zürich
Nach der erlebnis- und erfolgreichen Woche machte ich mir ein wenig Sorgen um die Abreise und den Transport zum Flughafen. Mit grossen Menschenmassen war das OK die ganze Woche überfordert und die detaillierte Planung passt nicht zur türkischen Mentalität. Es geschah was geschehen musste. Samstagmorgen um 9 Uhr standen ca. 600 Personen mit ca. 900 Gepäckstücken vor den Wohnblöcken A4-A6 abreisebereit. Für die erste Delegation (Russland) gab es noch Reisecars für die Personen und Lastwagen für das Gepäck. Für die zweite (Niederlande) noch Reisecars für die Personen und das Gepäck. Für die dritte (Finnland) nur noch Minibusse und Geländewagen für alles. Die vierte wären wir Schweizer gewesen…
Mit grosser Verspätung und vielen verschiedenen Fahrzeugen wurde dann auch unsere Delegation an den Flughafen gefahren. Wer im Gewühl von Menschen und Taschen seine Habseligkeiten fand, reihte sich in der Menschentraube vor dem Eingang ein. Nach einer weiteren Stunde erreichten die meisten von uns die klimatisierte Check-In Halle und nach einer weiteren Stunde öffnete man für unseren Flug das Check-In. Es war nun ca. 12.30 Uhr, geplante Abflugzeit unseres Charters war 13 Uhr. Mit erneuter Verspätung konnten wir endlich unsere entspannte Rückreise im Charterflugzeug antreten – unserer Geschäftsleitung sei Dank. Andere Nationen verpassten in Istanbul den Anschluss bei ihren Linienflügen und mussten dort übernachten.
In Zürich erwartete uns heimisches Glockengebimmel und ein riesiges Empfangskomitee! Im Menschengewirr in der Ankunftshalle fanden alle Ankömmlinge ihre Angehörigen und ich konnte mich entspannt in den Schweizer Strassenverkehr begeben. Verkehrsregeln haben durchaus ihren Vorteil und seit dem Muezzin klingen die Kirchenglocken in der Nachbarschaft wie ein Schlaflied in meinen Ohren.
Ende Juli führte Isabelle Bossi als Delegationsleiterin das Swiss Olympic EYOF Team in Trabzon an. Welche Klippen es für sie zu umschiffen gab und wie sie mit der Mentalität der türkischen Organisatoren zurechtgekommen ist, erzählt sie im Blog.