19. August 2010, peter.haas

Die Kunst des Marathonlaufens

Viktor Röthlin versteht sie wie kein anderer: die Kunst des Marathonlaufens. Nicht der Läufer mit dem grössten Talent hat an den Leichtathletik-Europameisterschaften Gold gewonnen und damit ein Stück Schweizer Sportgeschichte geschrieben. Vielmehr jener Läufer, der mit Intelligenz im Kopf, Freude im Herz und Kraft in den Beinen gerannt ist. Viktor Röthlin setzte in Barcelona das um, was ihm Matthias Winkler auf die 42,195 Kilometer lange Reise mitgegeben hatte. Im Vorfeld der Kontinentaltitelkämpfe hatte der renommierte Berner Künstler allen Schweizer EM-Startern ein persönliches Bild gemalt, begleitet von einer kurzen, aber träfen Grussbotschaft.

 

In Röthlins Fall lautete diese: «Intelligenz im Kopf, Freude im Herz, Kraft in den Beinen – viel Glück!» Daneben sind die typischen Winkler-Figuren zu sehen. Sie symbolisieren die Begriffe Motivation, Intelligenz, Freude und Kraft.

Und so lief Viktor Röthlin denn auch. Motivation verspürte der 36-jährige Marathon-Rekordhalter genug, nachdem er an den Europameisterschaften 2006 Silber gewonnen hatte und an den Weltmeisterschaften (3. Platz) und den Olympischen Spielen (6. Platz) jeweils bester Europäer gewesen war. Intelligenz bewies er, indem er auf dem heissen katalanischen Pflaster nicht nur stets kühlen Kopf bewahrte, sondern auch einen vergleichsweise kühlen Körper. Freude wiederum musste er insofern empfinden, als sein 19. Marathon nach zwei überstandenen Lungenembolien zugleich ein Neustart war – und am Schweizer Nationalfeiertag dennoch alles perfekt aufgehen sollte. Kraft schöpfte der Obwaldner schliesslich aus unzähligen Trainingskilometern, seinem treuen Umfeld und nicht zuletzt aus seiner Krankheitsgeschichte, die ihn noch stärker gemacht hat.

Mit diesen Fähigkeiten wird Viktor seine letzte Etappe als Spitzenmarathonläufer angehen. Seine Motivation wird ausschlaggebend sein, ebenso seine Kraft. Ob wir uns auf einen vierten Olympiastart von Viktor Röthlin freuen dürfen, hängt aber auch von seiner Freude und Gesundheit ab. Wir wünschen es uns, doch wie auch immer seine Antwort ausfallen wird: Viktor wird – wie im EM-Marathon – die richtige Entscheidung treffen.

Im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2012 in London möchte ich allen Kandidaten das mitgeben, was der Künstler Matthias Winkler dem späteren Europameister Viktor Röthlin mit auf den Weg gegeben hat: Motivation, Intelligenz, Freude und Kraft!

Peter Haas ist Chef Leistungssport bei Swiss Athletics und EM-Delegationsleiter
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