1. März 2013, peter.frei

Der Sportfan Teil 3

 

St.Moritz/Davos: Das exakte Gegenstück zu Athen 2004

 

«Den Zeitungen haben sie kürzlich Olympia-Bashing vorgeworfen. Die berichten doch mehr oder weniger ausgewogen über die Bündner Olympiakandiatur», sagte ich.

«In der letzten Sonntagszeitung», sagte der Sportfan, «standen auf sieben Seiten unter anderem folgende Titel zum Thema Olympiabewerbung: ‹Riskantes Spiel›, ‹Bund will für Olympia kein Rollmaterial finanzieren›, ‹Zu klein für grosse Spiele›, ‹Wer braucht Olympia?› (natürlich niemand, so die Antwort). Dazwischen wurde noch von einer ‹Meute fanatischer Olympia-Fans› bei der Arena-Sendung in St. Moritz berichtet. Ein einziger Kolumnist äusserte sich einigermassen wohlwollend über die Kandidatur.»

«Aber die Hauptgeschichte wurde von einem Kenner der Materie verfasst, vom deutschen Journalisten Jens Weinreich», sagte ich.

«Weinreich hat Qualitäts-Preise gewonnen, aber er ist einer von vier, fünf englischen und deutschen Schreibern, die sich auf das Bashing der Sportverbände und ihrer wichtigsten Vertreter fixiert haben», sagte der Sportfan. «Die schreiben Bücher über die korrupten IOC-Mitglieder, über ihren Lieblingsfeind Sepp Blatter, und verdienen damit viel Geld. Sie füllen eine Marktlücke aus. Olympiakandidaten sind aus der Sicht dieser Berufskritiker sowieso alle unseriös. Aber genau so einen, der sich selbstverständlich als Kritiker über der Sache stehend hält, nur dem Wohl der Menschheit verpflichtet, holt die Schweizer SonntagsZeitung. Um uns zu erklären, weshalb die Olympiakandidatur St. Moritz/Davos nichts taugt.»

«Es ist einfacher, Argumente gegen die Spiele zu liefern als die Aussicht, Träume zu verwirklichen», sagte ich. «Aber die Korruption im internationalen Sport existiert.»

«Leider», sagte der Sportfan, «und es braucht auch solche Leute, die den Finger auf die Wunden legen. Aber man sollte sich bewusst sein, dass dies nicht nur Berufung, sondern vor allem Business für diese Leute ist.»

«Jetzt haben wir nur von der SonntagsZeitung gesprochen. Es gibt noch andere Medien», sagte ich. «Die Südostschweiz berichtet seit Wochen, hauptsächlich positiv, über die Olympiakandidatur.»

«Mehr oder weniger einverstanden», sagte der Sportfan und blätterte in seinen Unterlagen. «Am Wochenende lauteten die Schlagzeilen: ‹Lässt der Bund die RhB trotz Olympia 2022 im Stich?›, ‹Finanzierung neuer RhB-Züge wäre trotz Olympia nicht sicher›, ‹Olympia ohne Bundesgelder›, ‹Olympia zu früh für Bivio?›, ‹Olympia: Für die Umfahrung Bivio wird die Zeit knapp›, ‹Behördenreferendum: Nur einmal genutzt für Olympia›. Finden Sie das motivierend für ein Ja der Stimmbürger? Die einzige positive Geschichte stand unter dem Titel: ‹IOC-Präsident Rogge bestärkt Olympioniken›. Er stuft Graubünden als Favorit für die Spiele 2022 ein.»

«Die Südostschweiz hat vorletzte Woche auch aufgezeigt, dass Winterspiele im Bünderland nicht so schlimme Folgen haben werden wie die Sommerspiele 2004 in Athen», sagte ich.

«Ja, eine Katastrophe, dieser Bericht», sagte der Sportfan. «Auf zwei Zeitungsseiten wurden die heutigen Bauruinen von Athen illustriert - ein Ablöscher für jemand, der über künftige Spiele abstimmen soll.»

«‹Graubünden ist nicht Athen›, stellte die Südostschweiz immerhin fest», sagte ich und erinnerte mich an 2004: «In Athen habe ich die Rolle des von den Gegnern als selbstherrlich bezeichneten IOC so erlebt: Die IOC-Leute forderten die Griechen bei verschiedenen Vorhaben auf, nicht derart zu klotzen und allzu protzig zu bauen; man könne dieses oder jenes Stadion auch kostengünstiger erstellen. Doch die Griechen wollten der Welt zeigen, wozu sie imstande sind, und liessen sich nicht belehren. Im Gegenteil: Es wurde weiter geklotzt - mit Euros aus der EU! Olympia hat deswegen seinen Anteil zum heutigen pitoyablen Zustand der Griechen geleistet.»

«St. Moritz/Davos wäre das exakte Gegenteil», sagte der Sportfan.

Ich wollte ihm nicht widersprechen. 

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Peter A. Frei (68) berichtete als Journalist von 22 Olympischen Spielen. Seit Sapporo 1972 war er stets vor Ort.
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