Einzigartige Chance für Graubünden, die Schweiz, das IOC und den Schweizer Sport
«Ich zerplatze beinahe, ich halte es fast nicht mehr aus», sagte der Sportfan.
«Das verstehe ich nicht. Der FC Basel ist in der Europa League weitergekommen, und Dario Cologna wurde Weltmeister. Da müssten Sie doch happy sein», sagte ich.
«Eben», sagte der Sportfan, «Cologna wird Weltmeister in einer hochkarätigen Wintersport-Disziplin - und wir sind dabei, die Olympischen Winterspiele 2022 wegzuwerfen. Es wäre Sünd und schade, auf diese Spiele zu verzichten.»
«Die Abstimmung im Bündnerland findet erst am Wochenende statt, es ist noch nichts entschieden», sagte ich.
«Mit dem Olympiabashing, das derzeit stattfindet, werden die letzten unentschlossenen Bündner Stimmbürger zu einem Nein gedrängt», sagte der Sportfan. «Damit vergeben wir eine Riesenchance.»
«Mit Bashing bezeichnet ihr Sportfans wohl Beschimpfungen und Dreinschlagen. Aber warum wären Olympische Spiele für uns so wichtig?», fragte ich.
«Die Olympischen Winterspiele 2022 kämen für Graubünden wie ein Geschenk daher», sagte der Sportfan. Er fuhr fort: «Sie wären eine tolle Gelegenheit für die Schweiz, aber auch eine grosse Sache für die Olympischen Spiele selber und ein Motor für die Entwicklung des Schweizer Sports.»
«Das sind aber grosse Worte», sagte ich.
«Grosse Worte, aber nicht übertrieben», sagte der Sportfan. «Der Kanton Graubünden könnte profitieren, ohne allzu grosse Risiken einzugehen, vor allem nicht im jetzigen Moment. Die Kandidatur könnte bis 2015 zurückgezogen werden. Die Schweiz könnte endlich wieder einmal zeigen, dass wir nicht nur ausländische Steuerhinterzieher und Abzocker hätscheln, sondern auch etwas Grosses, Sympathisches auf die Beine bringen.»
«Die Olympischen Spiele, die brauchen doch die Schweiz nicht?», sagte ich.
«Da haben Sie aber eine krumme Ahnung», sagte der Sportfan. «Die Olympischen Spiele sind an einem Wendepunkt angekommen. Aufwändiger als 2014 in Sotschi gehts nicht mehr, und die Entwicklungshilfe für weitere Wintersportregionen wie 2018 mit Pyeongchang ist auch am Ende angelangt. Das IOC wäre mit einer Rückkehr zu den Wurzeln und mit bescheidenen Spielen zufrieden - die IOC-Leute gebens nur nicht zu.»
«Und was brächten solche Spiele dem Schweizer Sport?», fragte ich.
«Sie waren doch letzten Sommer in London. Haben Sie die Begeisterung von Millionen Briten, nicht zuletzt wegen der Erfolge der eigenen Sportler, nicht bemerkt?», sagte der Sportfan. «Wenn wir 2015 die Zusage für die Spiele erhalten, könnten mit einem gescheiten Entwicklungsprogramm erhebliche finanzielle Mittel aus der Wirtschaft generiert werden. Die olympischen Sportarten könnten mit den besten Trainern der Welt von Grund auf neu strukturiert werden - die Briten haben‘s mit einer halben Milliarde Franken aus der Lotterie vorgemacht. 1996 in Atlanta gab‘s für sie eine Goldmedaille, 2012 in London deren 29. Wir würden auch mit viel weniger Aufwand schöne Erfolge feiern können - mit Garantie hätten wir 2022 einen Abfahrer auf dem Podest - und würden eine Begeisterung im ganzen Land auslösen, wie es sie seit Sapporo 1972 nicht mehr gab.»
Hier geht es zum zweiten Teil.
Peter A. Frei (68) berichtete als Journalist von 22 Olympischen Spielen. Seit Sapporo 1972 war er stets vor Ort.