Unsere Reise beginnt in Zürich. Ziel: das Europacup-Rennen in Sotschi. Alle sind wir gespannt, was uns in Russland erwartet. Nach vierstündigem Flug landen wir in Sotschi und werden mit Shuttlebussen ins Skigebiet gefahren. Wir werden von der Polizei eskortiert. Aber schneller als 40 Stundenkilometer geht es heute nicht. Es schneit, die Strassen sind spiegelglatt und unsere Busse sind nur mit Sommerreifen ausgestattet. Normalerweise habe es hier keinen Schnee, nur hinten im Skigebiet, sagt unser Fahrer. Besser gesagt, er probiert es uns mit Zeichensprache zu erklären. Reden kann man nämlich hier mit niemandem, das wird uns schnell klar!

Abfahrts-, Super-G- und Riesenslalom-Strecke Herren.
Im Hotel angekommen, ist die Küche geschlossen. Es ist gegen 24 Uhr. Die meisten von uns haben seit Stunden nichts gegessen und so versuchen wir - mit Zeichensprache - etwas zu Essen zu organisieren. Nach zirka einer Stunde ist es dann soweit. Die Zeichensprache und das Schweizerdeutsch wurden irgendwie gedeutet und so gibt es Reis und Kartoffeln.
Am nächsten Tag wird uns eine Hostess zur Seite gestellt. Sie studiert in Sotschi und übersetzt für uns. Ab jetzt geht alles einfacher. Treffpunkt um neun Uhr beim Lift für alle Trainer, heisst es. Aber um neun Uhr ist nicht einmal die Hälfte der Coaches bei der Bahn. Was ist los, fragen sich alle. Gegen zwölf Uhr treffen dann als Letzte die Franzosen ein. Diese hatten gestern weder Nachtessen noch heute morgen ein Frühstück erhalten. Noch schlimmer: Sie konnten mit den Shuttlebussen nicht zum Hotel fahren. Die Strasse war löchrig und voller Schnee. Der Trainer redete von «Camel Trophy». Nun ja, der erste Tag ist ein Angewöhnungstag - mit dem Ziel, die Piste zu inspizieren, Akkreditierungen zu holen, den Skiraum einzurichten, Essen zu organisieren...
Der erste Eindruck der neuen Piste: Sie gefällt uns. Die Gondelbahn ist neu, erst seit drei Wochen in Betrieb. Über Nacht hat es über einen Meter Neuschnee gegeben. Die freiwilligen Arbeiter sind voll dran. 1500 Volunteers sind am Berg, und mit ihnen 800 Polizisten für die Sicherheit! Überall läuft man an Kontrollen heran, wie am Flughafen muss man unten bei der Bahn alles abgeben und durchleuchten lassen.

Die Swiss-Ski-Trainer bei der Besichtigung (von links): Werner Zurbuchen, Marc Leibacher, Franz Heinzer.
Nach zwei Tagen können wir dann endlich trainieren. Die Piste ist bereit und lässt ein Abfahrtstraining zu. Leider sind wir bei den Trainings nicht vorne dabei. Die Bedingungen sind speziell, schnelle Skis und viel Gefühl sind gefragt. Die Piste ist stufenartig gebaut worden. Nach einem Steilhang folgt ein langes Flachstück, dann wieder ein schöner Hang, dann wieder flach usw. Durch die eher weichen Schnee-Bedingungen ist die Piste nicht schnell und die ganze Strecke auch nicht so attraktiv. Schade.
Am Renntag ist es dann etwas besser. Über Nacht wurde der Schnee kompakter. Marc Gisin, vorher drei Tage lang krank, meistert die Abfahrts-Strecke am besten. Er gewinnt Silber, Christian Spescha fährt auf Platz vier und Marc Gehrig zeigt, dass man in Sotschi auch mit einer hohen Nummer schnell fahren kann: Er fährt mit Startnummer 28 auf Platz sieben. Die Österreicher, schon im Training stark, sind heute nicht zu schlagen. Aber wir zeigen eine kompakte Mannschaftsleistung. Der stellvertretende Schweizer Botschafter aus Moskau, welcher uns drei Tage lang besucht, ist auf jeden Fall begeistert.

Baustelle für den neuen Bahnhof neben der Talstation der Gondelbahn.
Nach dem Rennen müssen wir uns beeilen und mit einer weiteren Polizei-Eskorte geht es dann wieder talauswärts nach «Sochi Airport». Wir alle reisen gerne wieder heim. Irgendwie haben alle gemischte Gefühle, was Sotschi angeht. Für mich persönlich war es eine gute Erfahrung. Sotschi ist oberhalb von 900 Höhenmetern bereit für die Olympischen Spiele 2014. Das Skigebiet, die Piste, die Arbeit der Volunteers, alles tip top. Aber unterhalb ist doch vieles noch chaotisch, alles eine Baustelle, und das grösste Problem, welches bis in drei Jahren gelöst werden muss, wird wohl die Verständigung sein.
Reto Nydegger ist Swiss-Ski-Gruppentrainer des Europacup-Teams Herren. Die Europacup-Abfahrt der Herren - gewissermassen der erste «Test» auf der Olympia-Strecke - fand am 18. Februar 2011 statt. Seit gestern sind nun die Damen in Sotschi im Einsatz. Wir dürfen gespannt sein.