Am Anfang fehlten zehn Pfund

Erstellt: 24.01.2012

Durch eine Geldnot, die heute läppisch erscheint, entstanden, mauserte sich der Grand Slam in Wimbledon mit der Zeit zum wichtigsten Tennisturnier der Welt. Diesen Sommer kämpfen die Stars auf dem «heiligen Rasen» nicht nur um die Wimbledon-Trophäe, sondern einen Monat später auch um Olympia-Gold.

Foto: paulafunnell (flickr)

Ursprünglich ein Bauerndorf im Südwesten Londons, entwickelte sich Wimbledon im Laufe der Jahrhunderte allmählich zur Stadt. Immer mehr Adelige und reiche Händler zogen zu, weil sich die zehn Kilometer bis ins wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum spätestens mit dem Anschluss ans Eisenbahnnetz Mitte des 19. Jahrhunderts angenehm zurücklegen liessen.

Das öffentliche Verkehrsnetz wurde in der Folge immer weiter ausgebaut. Dennoch hat sich Wimbledon bis heute seinen ländlichen Charakter bewahrt, ist – jedenfalls im Gegensatz zu anderen Teilen der Metropole – ein ruhiges Wohnquartier für mehr oder weniger wohlhabende Leute geblieben. In der Freizeit wird hier in Clubs geritten, Golf und Tennis gespielt. Und wäre Wimbledon nicht als Austragungsstätte des prestigeträchtigsten Tennisturniers der Welt, der «Lawn Tennis Championships», bekannt geworden, würde heute vielleicht niemand von diesem Stadtteil an Londons Peripherie reden.

Foto: bthomso (flickr)

Seit 1877

Bereits im Jahre 1877 wurde auf dem «heiligen Rasen» in Wimbledon erstmals um die Trophäe der «Lawn Tennis Championships» gekämpft – die Idee entstand infolge einer defekten Rasenwalze, die für zehn Pfund erneuert werden musste. Um Einnahmen zu generieren, rief der «All England Lawn Tennis and Croquet Club» das Turnier ins Leben. Mit den 200 Zuschauerinnen und Zuschauern, die je einen Schilling fürs Endspiel bezahlten, hatte man die neue Walze gesichert.

Es überrascht nicht, dass sich das Turnier schon früh einer grossen Beliebtheit erfreute, denn um konsumfreudige Schaulustige musste sich der Club nicht fürchten, gab es doch in Wimbledon wohlhabende Leute genug. 1884 nahm man die Frauen- und Doppelwettkämpfe ins Programm auf. Und bereits 1922 sahen sich die Organisatoren gezwungen, an die Church Road umzuziehen, weil die bestehende Anlage zu klein geworden war. Hier findet das Grand-Slam-Turnier heute noch statt.

Foto: Keystone

1937 wurde das Turnier erstmals im Fernsehen übertragen. Doch mussten die Kameraleute und das Publikum aus aller Welt noch mehr als 70 Jahre auf den wohl unglaublichsten Rekord in der Tennisgeschichte warten: 2010 spielte der Amerikaner John Isner gegen den französischen Qualifikanten Nicolas Mahut das längste Match aller Zeiten – elf Stunden und fünf Minuten dauerte es, verteilt über drei Tage. Zeit genug für den amerikanischen Hünen, 112 Asse und 246 Winners zu schlagen und den Match schliesslich im 980. Punkt des Spiels mit 70:68 im fünften Satz für sich zu entscheiden.

Bis heute ist das Turnier – abgesehen vom hochkarätigen (und auch mal länger dauernden) Tennisspiel, versteht sich – für seine Traditionsbewusstheit bekannt: So müssen immer noch 90 Prozent der Spielbekleidung weiss sein. Während Andre Agassi in seinen wilden Jahren das Tennisturnier deswegen boykottierte, demonstrieren Venus und Serena Williams alljährlich, wie sich britischer Traditionalismus durchaus mit zeitgenössischem Design in Einklang bringen lässt.

«London 2012»

Dieses Jahr wird nach dem traditionellen Turnier im Frühsommer in Wimbledon um olympisches Edelmetall gekämpft, zum zweiten Mal nach 1908. 1948, als die Olympischen Spiele ebenfalls in London zu Gast waren, stand Tennis aufgrund von Differenzen zwischen Tennisweltverband und IOC nicht auf dem Programm.

Neben dem siebten Sieg im Grand-Slam-Turnier wird Roger Federer 2012 hier sein erstes Olympia-Gold im Einzel anstreben und hoffentlich mit Stanislas Wawrinka den Titel im Doppel verteidigen können – vorausgesetzt, sie müssen nicht auf dem «Court No. 2» antreten, denn dieser ist wegen unzähligen Favoritenstürzen auch als «The Graveyard» bekannt.

«Beijing 2008» (Foto: Keystone)

15'000 Zuschauer werden den Olympia-Final auf dem «Centre Court» verfolgen können. Und da Wimbledon einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der englischen Hauptstadt ist, dürften nicht zu bewältigende Verkehrsströme während der Olympischen Spiele, eine der grössten Sorgen der Londoner Bevölkerung, also zumindest hier kein Problem sein.


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