3T - Spiel, Spass und der Ernst des Spitzensports

Erstellt: 29.09.2010

Die 400 besten Schweizer Nachwuchstalente aus 22 Sportarten weilen diese Woche im Tessin: Training, Spiel und Spass stehen im «Talent Treff Tenero», kurz 3T genannt, auf dem Programm. Und eine Lektion, in der die Jugendlichen über die knappe Zeit eines Spitzenathleten nachdenken.


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Ariella Kaeslin ist sich Fragen gewohnt. Locker und selbstsicher steht sie in der grossen Turnhalle des Centro Sportivo Nazionale della Gioventù di Tenero (CST) und lässt sich über die bevorstehende WM und Olympiaträume ausfragen. Die rund 400 Jugendlichen hören ihr gebannt zu. Ariella Kaeslin ist Special Guest an dieser Eröffnungsfeier des legendären Talent Treff Tenero (siehe Kasten). Sie ist WM-Zweite, Olympia-Teilnehmerin, zweifache Schweizer Sportlerin des Jahres. Alles Superlative, von denen die anwesenden Sporttalente träumen. Dabei ist es gar nicht allzu lange her, dass Ariella Kaeslin selbst zum Nachwuchs gehörte. Als sie selbst vom Siegen träumte und von Sportstars Autogramme holte. «Es ist wichtig, ein Ziel zu haben und alles dafür zu investieren», riet die 23-Jährige den Jugendlichen, «aber es ist genauso wichtig, auch den Weg zum Ziel zu geniessen.» Denn Erfolg sei zwar wunderschön. Aber kurz. Sehr kurz.

Kein normales Sportlager

Kurze Zeit später stehen die jungen Wasserballer und Tennisspieler, die Fussballerinnen und die Kanuten, die Biathleten, Orientierungsläufer, Schützen und Turmspringerinnen draussen Schlange, um von Kaeslin ein Autogramm zu bekommen. Für einen Langläufer lächelt sie für ein Foto. Einem Handballer unterschreibt sie aufs T-shirt. Synchronschwimmerin Elsa Arrigonie (15) ist stolz auf das Autogramm. «Es ist cool, eine Olympiateilnehmerin kennen zu lernen», sagt sie. Auch sie träumt von Olympia. Drei Faustballerinnen, alles Nati-Spielerinnen, sind beeindruckt: «Ariella zeigt uns, dass wir unsere Ziele erreichen können.»

Man merkt hier sehr schnell: Auch wenn die Stimmung leicht übermütig ist an diesem ersten Abend – das 3T ist nicht einfach ein Sportlager. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind nicht einfach junge Sportler. Es sind die besten ihres Alters, die besten in ihrer Sportart. Und selbst wenn Spiel und Spass im 3T hochgeschrieben werden, geht es auch hier um eine sehr ernste Angelegenheit: um Spitzensport, hohe Ziele und Olympia. Das entgeht auch Ariella Kaeslin nicht: «Es ist schön, ein Vorbild zu sein und es ist extrem speziell, dass ich eine solche Motivation bin für diese Talente. Ich bin schliesslich nicht viel älter als sie.» Einen kurzen Moment lang scheint es, als könne sie es selber nicht glauben, dass sie es geschafft hat. Dass nun nicht mehr sie um Autogramme ansteht, sondern jüngere Athleten bei ihr. Dass sie nun nicht nur den Weg, sondern auch den Erfolg geniessen kann.

Weg zum Ziel – eine Frage der Zeit

Keine Frage: Die meisten «3T-ler» sind hier, weil sie ihren Sport lieben. Weil sie es lieben, auf Fahrrädern Pirouetten zu drehen, wie die Kunstrad-Fahrerinnen am nächsten Morgen in der Turnhalle. Weil sie es lieben, schon als Knirpse den Ball in voller Wucht über das Netz zu schlagen, wie die jungen Tennisspieler auf dem Platz. Weil sie es lieben, mit zig Schrauben durch die Luft zu wirbeln, wie die Ski Freestyle-Athleten, die über eine Rampe in den See fliegen. Was es heisst, alles zu geben, um seine Ziele und Träume zu erreichen, wissen viele der Jugendlichen jedoch noch nicht. Wie hart der Weg sein wird. Worauf sie werden verzichten müssen und wie viel sie in ihre Sportkarriere werden investieren müssen, zeitlich und finanziell.

Matthias Zurbuchen, Bereichsleiter Athletensupport bei Swiss Olympic, weiss nur allzu gut, dass (zu) viele Sportkarrieren daran scheitern, dass nicht genug Zeit (oder Geld) da ist, um alles unter einen Hut zu bringen. Denn wem es an Zeit fehlt, der wird seinen Weg zum Ziel nicht geniessen können und früher oder später aufhören. «Zeitmanagement» hiess denn auch der Theorieblock des diesjährigen Herbst-3T: Die Zeit, die man zur Verfügung hat, optimal zu nützen. Und zwar ausgerichtet auf ein Ziel, den Spitzensport.

«Lernen, zu verzichten»

Die Fussballerinnen der U16-Nati hören aufmerksam zu. In roten Trainingsjacken sitzen sie da, alle stolz und hübsch geschminkt und frisiert. Sie alle wollen Profi-Fussballerinnen werden. Sie alle trainieren bereits jetzt, mit 15 Jahren, sieben Mal pro Woche. «Doch was verlangt der Spitzensport, in den ihr jetzt reinkommt?», fragt Zurbuchen.

Ziele setzen, die Prioritäten danach ausrichten und im richtigen Moment Schwerpunkte setzen – das ist das A und O des Spitzensports. «Und die Voraussetzung, damit ihr eure Zeit optimal nutzen könnt», erklärt Zurbuchen. Zeitfresser müssen gesucht und hinterfragt werden. Verbringen die Mädchen zu viel Zeit am Handy oder auf Facebook? Oder im Zug, weil sie zu weit weg vom Trainingsort wohnen? Erledigen sie ihre Hausaufgaben zu ineffizient? Fragen, die in den nächsten Jahren zentral werden für die jungen Sportlerinnen, die schon bald Sport und Ausbildung vereinen müssen.

Er wolle die Talente sensibilisieren, sagt Zurbuchen. «In den meisten Sportarten kann man keine Kompromisse eingehen. Die Athleten müssen bereit sein, die Prioritäten auf den Sport zu setzen. Sie müssen lernen, zu verzichten.» Viele der jungen Athleten – aber auch viele Eltern – seien sich dessen nicht bewusst. Bald werden sie sich entscheiden müssen. Wenn sie an die Spitze wollen, müssen sie sich ein Ziel setzen und die Konsequenzen eingehen. Auch wenn der Weg dahin nicht nur Spass macht.

Lesen Sie hier den Blogbeitrag von Fussball-Talent Audrey Wuichet.


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