Gian Gilli: «London 2012 war ein Meilenstein in der Sportgeschichte»

Erstellt: 07.05.2013

Gian Gilli, Chef de Mission in London 2012, blickt im Interview zurück auf die Olympischen Spiele in London und erklärt, wo er den Hebel im Hinblick auf Rio 2016 ansetzen will.


Gian Gilli (Bild: Swiss Olympic)

Gian Gilli, was kommt Ihnen spontan in den Sinn, wenn Sie an «London 2012» zurück denken?

Überglückliche Medaillengewinner und gleichzeitig Athleten, die unten durch mussten. London als perfekter Veranstalter, die tolle Infrastruktur, die herzlichen Leute, das einzigartige Ambiente in der Stadt, die riesige Begeisterung für den Behindertensport und vieles mehr. Für mich war «London 2012» ein Meilenstein in der Geschichte der Olympischen Sommerspiele und sehr beeindruckend.

Nicht alle Schweizer Athleten konnten in London die Erwartungen erfüllen, die an sie gestellt wurden. Erkennen Sie rückblickend Gründe dafür?

Es ist immer schwierig, so etwas zu erklären. Wieso machen Athleten ausgerechnet in diesem Moment Fehler? Warum erbringen einige am einen Tag Topleistungen und am nächsten fallen sie ab? Mit etwas Abstand sieht man aber natürlich immer ein paar Punkte, die verbessert werden können. Als Swiss Olympic müssen wir in Zukunft die Rahmenbedingungen für Athleten – insbesondere bei kommerziell weniger starken Sportarten – weiter verbessern.

Was meinen Sie mit Rahmenbedingungen konkret?

Viele andere Länder bieten ihren Athleten mittlerweile extrem professionelle Rahmenbedingungen, sei es im sozialen Umfeld, im Coaching, in der Sportmedizin oder in der Infrastruktur. Dadurch können Athleten besser trainieren, verdienen anständig, sind weniger mit Arbeit belastet und haben längere Erholungsphasen. Diesbezüglich verlieren wir in der Schweiz zunehmend an Boden. Vor allem unsere kommerziell schwächeren Sportarten verlieren den Anschluss an die Weltspitze.

Wie will Swiss Olympic diese Problematik anpacken?

Wir müssen mehr übergreifende Dienstleistungen und letztendlich mehr Geld für den Schweizer Sport generieren. In der neuen Strategie von Swiss Olympic ist das auch klar so formuliert. Dies ist aber natürlich nur in enger Zusammenarbeit mit dem Baspo und mit der Privatwirtschaft möglich. Falls wir das gemeinsam nicht schaffen, müssen wir unsere Ansprüche herabsetzen. Medaillen werden dann immer mehr zu Zufallsprodukten.

Braucht es für eine Olympische Mission überhaupt Medaillenziele?

Wenn wir strategische und langfristige Ziele setzen, die messbar sind, gibt das einen Orientierungspunkt. Das ist für das ganze Team motivierend. Wir brauchen aber daneben auch kurzfristige Ziele, die auf dem Potential der jeweiligen Mannschaft basieren. Diese Ziele können vom strategischen Ziel abweichen. In London hat sich einmal mehr gezeigt: Medaillenkandidaten sind nur Athleten, die regelmässig auf dem Podest stehen. Athleten, die unregelmässig Podestplätze holen, sind Top-10-Kandidaten. Unter diesem Aspekt kann man aber durchaus realistische, messbare Ziele für eine spezifische olympische Mission setzen.

Fehlt Schweizer Athleten prinzipiell die oft zitierte Gewinnermentalität?

Nein. Für die Grösse unseres Landes haben wir viele herausragende Athleten, die genau diesem Klischee nicht entsprechen. Vielleicht haben wir Schweizer ein etwas zurückhaltendes und zögerliches Naturell. Aber die Leistung im Zeitraum X und unter speziellen Umständen zu erbringen ist für alle Athleten ein wichtiges Thema. Von unserer Seite her floss dieses Thema vor allem in das Olympic Coach Programm ein. Mit diesem Programm will Swiss Olympic das Wissen der besten Trainerinnen und Trainer langfristig erhalten, die Coachingkompetenz für Olympische Spiele verbessern und das Netzwerk im Schweizer Spitzensport massiv verstärken.

Auf dem Olympic Coach Programm beruhte vor London viel Hoffnung. Ist es gescheitert?

Im Gegenteil. Das Programm ist ein sehr gutes Produkt. Vielleicht haben wir in London noch nicht alle PS auf Boden gebracht. Aber schon nur, dass sich die Trainer frühzeitig kennen lernten, und dass ein Erfahrungsaustausch über Sportarten hinweg stattfand, war ein grosser Gewinn für das Team. Das Programm wird bestimmt auch noch sichtbaren Einfluss auf den Erfolg und die Resultate unseres Teams haben, vielleicht einfach etwas später in Rio 2016.

Gibt es konkrete Massnahmen, die aufgrund der Erfahrungen in London im Hinblick auf Rio umgesetzt werden?

Es ist jetzt noch etwas zu früh, um ganz konkrete Massnahmen zu ergreifen. Wir müssen erst einmal nach Rio fliegen und die Lage vor Ort sehen. Sicher ist jetzt schon, dass die Organisation ganz anders sein wird als für London. London basierte auf dem Konzept der Nähe. Rio wird eine andere Geschichte: Themen wie Transport, Akklimatisation und Betreuung vor Ort stehen im Mittelpunkt.

Und im sportlichen Bereich?

Als Swiss Olympic sprechen wir nicht in spezifische Sportthemen der Verbände rein, das ist nicht unsere Aufgabe. Wir können höchstens Fragen stellen. Wir passen das Olympic Coaching Programm für Rio an und wir optimieren die Fördermassnahmen. In Absprache mit den Verbänden kann es dabei auch Investitionen direkt ins Umfeld eines Athleten geben.

Können wir uns auf Rio freuen?

Ja klar! Organisatorisch gibt es noch einiges zu tun bis 2016. Aber die Fussball-WM 2014 wird ein perfekter Testlauf für die Olympischen Spiele sein. Athleten und Betreuer können sich auf jeden Fall schon jetzt auf eine südländisch temperamentvolle Stimmung und auf eine gute Organisation freuen.


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