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Ausländische Trainerinnen und Trainer bringen neue Impulse

Erstellt: 01.12.2011

Qualifizierte und gut ausgebildete Trainerinnen und Trainer leisten einen entscheidenden Beitrag zu sportlichen Spitzenleistungen. Von den rund 1200 in der Schweiz tätigen Trainern kommen knapp 200 aus dem Ausland. Der Schweizer Sport kann von ihrem Knowhow viel profitieren.

Zoltan Jordanov in «seinem Büro» in Magglingen (Foto: Swiss Olympic)

«Ich hatte nicht gedacht, dass ich je in der Schweiz landen würde», sagt Zoltan Jordanov. Aber als der Schweizerische Turnverband 2007 einen neuen Nationaltrainer suchte und mit ihm Kontakt aufnahm, sagte der studierte Sportlehrer aus Budapest zu. Seither trainiert er die Schweizer Turnerinnen und brachte mit Ariella Kaeslin, Europameisterin und WM-Silbermedaillengewinnerin, die Schweiz auf die Landkarte des Kunstturnsports zurück.

Der ungarisch-britische Doppelbürger Jordanov bereut seinen damaligen Entscheid, ins kleine Alpenland zu ziehen, heute keineswegs: «Die Schweiz ist ein wunderschönes Land und die Trainingsbedingungen sind ausgezeichnet. Ausserdem gibt es ein paar sehr talentierte Turnerinnen hier.» Zum Beispiel die 17-jährige Ostschweizerin Giulia Steingruber. Sie hat das Potential, in Kaeslins Fussstapfen zu treten: Im Oktober wurde sie an der WM in Tokio im Sprung-Final ausgezeichnete Fünfte und die Chancen stehen gut, dass sie sich kommenden Januar am Testevent in London für die Olympischen Sommerspiele 2012 qualifizieren wird.

«Die Mentalität ist anders»

«Die Technik ist überall dieselbe, aber die Mentalität ist in der Schweiz anders», sagt Jordanov, der die britische Nationalmannschaft betreute, ehe er in die Schweiz kam. «Den Schweizern fehlt oft das Selbstvertrauen, die Winner-Mentalität, die grosse Nationen haben – sie sind 100 Prozent bereit und liefern dann im Wettkampf nur deren 70, während es zum Beispiel bei den Briten oft umgekehrt ist.»

Zudem sei in einem kleinen Land die tiefere Talentdichte eine Herausforderung, sagt Jordanov. Wenn man zwei Talente habe, müsse man mit den Athletinnen viel sorgsamer, sensibler umgehen, als wenn man mit 50 Nachwuchstalenten zu arbeiten begänne, von denen es am Ende eine oder zwei an die Spitze schaffen sollen. «Es ist nicht einfach, die Turnerinnen aus ihrer Reserve zu locken, wenn die Konkurrenz im eigenen Land nicht sehr hoch ist, aber das macht meine Arbeit äusserst spannend», sagt der Nationaltrainer.

Von neuen Ansätzen profitieren

Für Dr. Adrian Bürgi, Leiter Trainerbildung Schweiz an der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen, sind Trainer wie Zoltan Jordanov äusserst wertvoll: «Mit ausländischen Spitzentrainern holt man sich gewissermassen ein Stück Benchmark in die Schweiz. Sie helfen uns, die Qualität unserer Ausbildung einzuschätzen und sie stetig weiterzuentwickeln, indem wir ihr Knowhow integrieren.»

Hohe Fluktuation fordert das System

Aber leider fühlt sich nicht jeder ausländische Trainer in der Schweiz so wohl wie Jordanov. 50 Prozent aller ausländischen Trainerinnen und Trainer haben nach drei Jahren die Schweiz bereits wieder verlassen. Einen Grund dafür sieht Bürgi in der schwierigen Berufs- und Arbeitssituation: Der Trainerberuf kämpfe in der Schweiz immer noch darum, als ernsthafte Tätigkeit anerkannt zu werden, sagt er, einst selbst Nationaltrainer bei Swiss Triathlon. «Wenn man sagt, man sei Trainer, ist es keine Seltenheit, dass darauf die Frage folgt, was man denn hauptberuflich arbeite», so Bürgi. Ein Trainer verdient in der Schweiz wahrlich nicht das grosse Geld – durchschnittlich sind es zwischen 50‘000 und 75‘000 Franken pro Jahr, als Hauptberuflicher, versteht sich. Trainerinnen verdienen für die gleiche Aufgabe noch bedeutend weniger.

Der Knowhow-Verlust, der mit dem Weggang ausländischer Spitzentrainer einhergeht, ist in vielen Fällen gross. «Gerade in Sportarten mit fast ausschliesslich ausländischen Trainern, wie beispielsweise im Kunstturnen, ist es oft schwierig, das Wissen nachhaltig zu sichern, weil entsprechende Gefässe fehlen», sagt Bürgi. Daher wolle man künftig Strukturen aufbauen, die es erlaubten, das Knowhow ausländischer Trainer besser zu sammeln, aufzubereiten und weiterzugeben. Dies gelte selbstverständlich ebenso für jenes von Schweizer Trainern, so Bürgi, und sei für die Entwicklung des Leistungs- und Spitzensports zentral, in dem die Fluktuation ohnehin relativ gross sei.

Qualität und Integration dank anerkannten Titeln

Das vorhandene Knowhow nachhaltig zu sichern und zu vermitteln, ist also das eine, Massnahmen zu ergreifen, welche die gesellschaftliche Anerkennung des Trainerberufs steigern, das andere. Eidgenössisch anerkannte Ausbildungsgänge auf Tertiärstufe sollen zu beidem ihren Beitrag leisten: Seit 2003 kann man sich zum Trainer Leistungssport mit eidgenössischem Fachausweis oder zum diplomierten Trainer Spitzensport ausbilden lassen. Die anerkannten Titel sichern die Qualität in der Schweiz tätiger Trainer und fördern damit die Anerkennung des Berufes.

Trainerinnen und Trainer, die sich im Ausland ausbilden liessen, können über eine Gleichwertigkeitsanerkennung einen eidgenössisch anerkannten Titel erlangen, sofern sie über die entsprechenden Kompetenznachweise verfügen. Ist dies nicht der Fall, werden sie dazu motiviert, die Ausbildung zu absolvieren. Nur wer nämlich einen Schweizer Titel oder eine Äquivalenz besitzt, hat Anrecht auf finanzielle Unterstützung durch den Bund. Nebst der Qualitätssicherung ist dies auch eine Massnahme, um ausländische Trainer besser und damit nachhaltiger in die Strukturen des Schweizer Sports zu integrieren – damit Talente unter ihrer Leitung zu Leistungsträgerinnen und Leistungsträgern heranwachsen können.


Alle Zahlen stammen aus:

Andenmatten C. (2010): Berufs- und Arbeitssituation von Spitzensport-Trainerinnen und Trainern der Schweizer Sportverbände. Masterarbeit Magglingen: Eidgenössische Hochschule für Sport Magglingen.

Stalder, Ursula Maria und Bernd Kersten (2002): Evaluation der Berufs- und Arbeitssituation von Spitzensport-Trainerinnen und Trainern der schweizerischen Sportverbände von Swiss Olympic. Schlussbericht Bern: Swiss Olympic.


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